Sounds wie Wasser und Übersetzung wie Honig – Splitter vom Lyriktreffen 

Das Lyriktreffen 2026 war ein Fest. Lyrikerinnen und Lyriker verschiedener Herkunft, mit unterschiedlichen künstlerischen Zugängen, Themen und Stimmen zeigten die ganze Bandbreite der Gegenwartslyrik auf. Das Programm unter dem Motto Poesie und Sprechblase umfasste an drei Tagen nicht nur Bühnenlesungen, sondern auch Lesezimmer mit den Kunstschaffenden, eine Ausstellung, Vorträge, Performances, Kaffeepausen zum Austausch und Podiumsdiskussionen. Doch genug der Phrasen – laut Monika Rinck solle sich schließlich gerade die Lyrik gegen die in Politik und Werbung genutzten Wort- und Satzhülsen als Abwehr verstehen. Ein Stichwort, das ebenfalls häufig fiel, ist die ‚Verknappung‘. Auch der Journalismus kennt dieses Verfahren, er hat sogar eine eigene Form: die Splitter. Kleine Momente, die das Große verdichten, aber möglichst, ohne sich zu verheben. Was eignet sich also besser, um das Kulturproleten-Special rund um das Lyriktreffen abzurunden?

Hier sind meine drei Splitter vom Lyriktreffen, an die ich mich auch noch in zwei Jahren erinnern werde, wenn das Poesiefestival wieder in Münster steigt.

©Kulturproleten

Dusche

Als ich mich auf der Eröffnungsveranstaltung des Lyriktreffens, der Ausstellung PoesieComic. Eine Begegnung in der Stadthausgalerie, mit anderen Besucherinnen und Besuchern unter die Sound-Dusche drängte, war ich erst einmal enttäuscht. 15 Minuten hatte ich gewartet, bis der eigenwillige Duschkopf wieder etwas von sich gab – und wir alle mussten uns etwas strecken, um den Applaus auf uns niedertröpfeln zu hören. Wir sahen uns an, zuckten die Schultern. Applaus eben. Und wo ist da jetzt die Kunst, wo die Antwort, irgendeine Lösung? Aber es blieb dabei: Nur Dusche und Applaus, nichts weiter. Ich setzte meinen Weg durch die Ausstellung fort, vorbei an Prof. Moritz Baßler, der eines der lyrischen Rhythmikbänder hin- und herschwang, vorbei an den Spermienpanels Luca Kiesers, vorbei an den Poesiecomics von Jörg Hartmann. Und dort war es dann soweit. Denn als müsse das Ganze zunächst einsickern, sich setzen, fand eins zum anderen: In Applaus baden – in Applaus duschen? Und aufbranden, aufbranden kann der Applaus ja auch. Das Klatschen nicht vergessen: Wäre der Druck größer gewesen, wären wir bestimmt klatschnass geworden. Vielleicht besser also, dass der Applaus so schnell versiegte. Toll! Eine Antwort habe ich nicht gefunden, aber ich hatte ja auch gar keine Frage. Ein paar neue Sprachgedanken konnte ich trotzdem auflesen.

Glas

Der erste war am unauffälligsten: Ein normaler Schluck, buchstäblich en passant nahm ihn Kinga Tóth auf dem Weg zum Podium, als sie den ersten Lesetag eröffnete. Als sie dann am Lesepult stand, hatte sie das Glas bereits abgestellt, griff aber lieber noch einmal danach. Darüber hätte man sich schon wundern können. Wir waren nicht überrascht über das Folgende, denn wir kannten Kinga Tóth ja schon. Wir, das heißt das Seminar von Dr. Mirjam Springer, das die Universität Münster zu jeder Ausgabe des Lyriktreffens in Zusammenarbeit mit diesem veranstaltet. Es war trotzdem überwältigend, was diese Frau für einen Klang- und Wortfundus zusammengetragen hat und nun kunstvoll arrangiert, mit grandiosem Stimmeinsatz auf die Bühne brachte: Punk und Pastorales, Wind und Wetter, Wortbrocken auf Deutsch, Englisch und Ungarisch, mal ganz hohe und mal ganz tiefe Töne. Den dritten und letzten Schluck hat dann niemand übersehen. Die Künstlerin nahm wieder das Glas zur Hand und plötzlich hörte man aus ihrem Mund ungarische Bergflüsse gurgeln. Auch die Fische ließen nicht lange auf sich warten – ich werde wohl nie ein kunstvolleres „blubb, blubb“ hören. Mehr Transformation, mehr Verknappung und Vermengung gehen wohl wirklich nicht.

Arme

Milena Marković setzte sich hin und sah zu. Sie hatte soeben ihre Lesung aus ihrem Langgedicht Kinder beendet und ihr Vortrag hing dem Publikum noch nach, so eindrucksvoll hatte sie gelesen, mit einer ebenso dunkel wie warm grollenden Stimme, als hätte sie den Bauch voll freundlicher Steine. Nun stand eine ganz andere Frau auf der Bühne: weniger raumgreifend, zierlicher, keine Urgewalt wie Marković. Zumindest auf den ersten Blick. Denn als Mirjana Wittmann dazu anhob, die deutsche Übersetzung zu den Schriften von Marković zu sprechen, verfiel der Raum auch ihr – und mit ihm Marković, die ihre Übersetzerin gebannt verfolgte, als könnte sie die Verse am Rhythmus erkennen. Der, so hatte Wittmann am Folgetag auf der Podiumsdiskussion zur Übersetzung von Lyrik betont, müsse in Original und Übersetzung gleich sein, trotz aller sprachlicher Hindernisse. Diesen Ansatz setzt sie so gut um, dass sie in diesem Jahr zusammen mit Marković (und ihrem verstorbenen Ehemann, Klaus Wittmann) den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie erhalten hat. Sie traf den Rhythmus, die Sprache Markovićs auch auf der Bühne im Theater Münster und trug ebenso durchdringend wie die Serbin vor, aber leiser, handverlesen, mit existenzieller Exaktheit. Eben „wie eine Biene Honig macht“, so beschrieb Wittmann ihre Arbeitsweise auf der Podiumsdiskussion. Und eine Biene arbeitet natürlich auch nicht allein, sondern immer im Verbund. So war es dann nur konsequent, wie Wittmann und Marković, nachdem sie gemeinsam an der Brücke zwischen ihren zwei Sprachen gefeilt hatten, die Bühne verließen: Arm in Arm.

©Kulturproleten

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kulturproleten

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen