„Klein und allein“ – ‚Kinder‘ von Milena Marković

Der Preis für internationale Poesie der Stadt Münster geht dieses Mal an die serbische Dichterin Milena Marković für ihren Band Kinder, der 2025 erschienen ist. Gleichzeitig wird auch das Übersetzer*innenpaar Mirjana und Klaus Wittmann ausgezeichnet. Seit 1993 wird der Preis für ein international rezipiertes lyrisches Werk und dessen Übersetzung vergeben. Milena Markovic wurde 1974 in Zemun in Belgrad geboren und studierte Dramaturgie an der Fakultät für darstellende Künste an der Universität der Künste Belgrad. Inzwischen arbeitet sie dort selbst als Professorin. In Serbien wird sie seit Jahren für ihre Poesie anerkannt und gilt als „eine der prägenden literarischen Stimmen ihrer Generation”.1 Für den Band Deca (Kinder) erhielt sie bereits 2021 den serbischen NIN-Preis.

Das Langgedicht (oder auch Roman in Versen) Kinder erinnert, laut der Jury des Preises für internationale Poesie, an Dantes Göttliche Komödie und Alexander Puschkins Eugen Onegin. Marković erzählt mit einer sehr persönlichen Note und subtilen Verweisen auf die serbische Geschichte über das Leben als zweifache Mutter. Die entscheidende Begründung der Jury für die Preiswürdigkeit des Textes lautet: 

„Mit einer bemerkenswerten Balance aus Unmittelbarkeit, kühler Beobachtung und beißendem Witz, in Sätzen, deren Fluss subtile Zeilenbrüche musikalisch vorantreiben, verknüpft Marković die Lebensalter: vom kindlichen Erleben und Fabulieren der kleinen Milena, die zwischen Novi Beograds Pflaster und dem Bergdorf der Großeltern aufwächst, zur Abenteuerlust und den Liebschaften der Heranwachsenden, ihrer Leidenschaft für schöne Männer, den Geburten ihrer Söhne Ognjen und Jovan, und zur schließlich erwachsenen Frau in ihren Vierzigern.“2

Diese Beobachtungen werden im Folgenden genauer anhand des ausgewählten Abschnittes des Lyriktreffens3 betrachtet. Besonders bedeutend sind das ‘kindliche Erleben’ und die ‘Unmittelbarkeit’ für den ausgewählten Ausschnitt, da dieser über die Kindheit und Zeit in der Kindertagesstätte handelt.

Milena Marković ©Milan Stošić

Eine Frage der Perspektive?

Der Ausschnitt aus Milena Markovićs Langgedicht entfaltet aus der Perspektive eines Kindes eine Erfahrung von Ausgrenzung, emotionaler Vernachlässigung und früherer Lieblosigkeit. Die Sprache wirkt schlicht und fast protokollartig, da leichte Begriffe in simplen Satzkonstruktionen verwendet werden. Es gibt keine Groß- und Kleinschreibung, kein klares Reimschema und fast willkürlich wirkende Versumbrüche. Der Text verzichtet auch auf Satzzeichen und verwendet einfache Hauptsätze. Dadurch entsteht ein ununterbrochener Gedankenstrom, der an kindliches Erzählen erinnert.  

Die Kinderperspektive entpuppt sich jedoch als retrospektive Erzählung des lyrischen Ichs. Die erlebte Erfahrung der Vergangenheit wird von einem erwachsenen lyrischen Ich nacherzählt. Das zeigt sich besonders am Gebrauch des Präteritums. Die Ereignisse erscheinen nicht als unmittelbares Gegenwartserleben, sondern, als erinnerte und bereits abgeschlossene Erfahrung. Das lyrische Ich „begriff“ (V. 17), dass keiner es liebte. Die Erkenntnis fand in der Vergangenheit statt und wird nun erneut betrachtet. Dadurch entsteht eine zeitliche Distanz zwischen dem erzählenden Ich der Gegenwart und dem kindlichen Ich der Vergangenheit.

Zugleich konstruiert der Text aber eine große Nähe zur kindlichen Wahrnehmung, weil die Sprache einfach, knapp und kaum erklärend bleibt (z. B. „alle waren zu hause und mama klapperte mit den töpfen“ (V. 7)). Das erwachsene Ich analysiert die Szene nicht, sondern lässt sie in ihrer damals erlebten Härte stehen. Gerade diese Verbindung aus zeitlicher Distanz und sprachlicher Unmittelbarkeit macht die Perspektive vielschichtig. Der Text erzählt aus der Erinnerung, bewahrt aber die Verletzlichkeit des kindlichen Erlebens.  

Ausgrenzung in Blickweite

Die Erfahrung der Ausgrenzung wird im Ausschnitt zunächst räumlich organisiert. Schon zu Beginn heißt es, die Kindertagesstätte sei „schlimm“ (V. 1) gewesen. Zugleich war sie aber auch notwendig: „ich müsse hin weil sie alle arbeiteten und lernten / und niemand würde zu hause sein“ (V. 2f). Das Kind befand sich also nicht freiwillig in der Tagesstätte, sondern wurde mit einer konkreten Begründung dorthin geschickt. Entscheidend ist dabei, dass diese Begründung widerlegt wird. Später sieht das lyrische Ich, dass eben doch alle zu Hause sind. Die Ausgrenzung entsteht deshalb nicht nur durch die räumliche Trennung, sondern auch durch die falsche Begründung. Das Kind fühlt sich von dem gesicherten Raum der Familie ausgeschlossen und beschreibt die Eindrücke sehr bildlich, konkret und körperlich.

„alle waren zu hause und mama klapperte mit den töpfen und meine schwester / schaute aus dem fenster und papa rauchte am fenster / und mein bruder kam stieg die treppe hoch / und ging ins haus nur ich durfte das nicht“ (V. 7–10). 

Hier wird eine alltägliche häusliche Ordnung gezeigt: Die Mutter klappert mit Töpfen, die Schwester und der Vater erscheinen am Fenster und der Bruder bewegt sich frei ins Haus hinein. Gerade diese Normalität des Familienlebens steht im direkten Kontrast zur Kindertagesstätte. Das Zuhause erscheint nicht als Utopie, die nicht erreicht werden kann, sondern als sichtbarer und erreichbarer Raum. Dem Kind wird die Zugehörigkeit dazu jedoch verwehrt. Besonders deutlich wird das an der Formulierung „nur ich durfte das nicht“ (V. 10). Das Modalverb ‚durfte‘ zeigt, dass es nicht um ein bloßes Nicht-Können geht, sondern um eine aktive Grenze, die durch Regeln und Autorität gesetzt wird. Der Bruder darf die Treppe hochgehen und ins Haus gehen. Das lyrische Ich bleibt dagegen ausgeschlossen und wird bestraft.

Der Zaun als gewaltvolle Grenze

Übersetzerin und Übersetzer Mirjana Wittmann und ihr 2023 verstorbener Ehemann Klaus Wittmann. ©Privat

Die Grenze zwischen Kind und Familie ist dabei nicht neutral, sondern durch ein semantisches Feld der Gewalt abgesichert. Das lyrische Ich darf den Zaun, der den Kindergarten von der Außenwelt trennt, nicht überklettern. Wenn es die Grenze dennoch überschreitet, drohen körperliche Bestrafungen. Formulierungen wie „aufgefressen“ (V. 12), „heulte“ (V. 13) oder „den hintern versohlt“ (V. 13) verbinden die kindliche Perspektive mit Bildern von Gewalt, Bestrafung und körperlicher Bedrohung. Dadurch wird die Tagesstätte nicht als schützender pädagogischer Raum dargestellt, sondern als Ort an dem sich das Kind ausgeliefert fühlt. Zugleich rückt das Ich in eine Position, in der es nur innerhalb der Grenzen gehalten, kontrolliert und für Grenzüberschreitungen bestraft wird. 

Die Nähe zum Zuhause verstärkt diesen Eindruck, denn das Kind ist der Familie räumlich nah. Gleichzeitig bleibt es ihr aber auch fern. Die Tagesstätte liegt „neben“ (V. 4) dem Haus, sodass das Zuhause sichtbar und scheinbar erreichbar bleibt. Zugleich bleibt es aber für das lyrische Ich unerreichbar, da die Grenze nicht überquert werden kann. 

Der Zaun als Grenze ist hier doppelt kodiert. Auf der einen Seite trennt er die Kindertagesstätte vom Zuhause. Auf der anderen Seite trennt er auch die Zugehörigkeit zur Familie, sodass das lyrische Ich ausgeschlossen ist. So stehen Nähe und Distanz in einem starken Kontrast zueinander, der nicht aufgebrochen werden kann. Das lyrische Ich muss von der Tagesstätte aus beobachten, wie die eigene Familie zusammenlebt.

Die Erkenntnis der Nicht-Liebe

In den letzten Versen verschiebt sich die Ausgrenzung von der räumlichen auf eine emotionale Ebene. Die Mutter versucht die Situation offenbar zu erklären oder zu relativieren („nicht alle können dich lieben“ (V. 15)). Bedeutend ist hier, dass das kindliche Ich diesen Satz nicht als Erklärung, sondern als Extremum versteht. Aus „nicht alle“ (V. 15) wird „keiner“ (V. 17). Damit wird aus einer einzelnen Zurückweisung ein generelles Urteil. Das Verb ‚begreifen‘ markiert diesen Moment ausdrücklich als Erkenntnis. Besonders prägnant ist die Gegenüberstellung von „klein und allein“ (V. 20). In dieser knappen Verbindung verdichtet sich die gesamte Erfahrung des Kindes. „klein“ (V. 20) verweist nicht nur auf das Alter, sondern auch auf die Machtlosigkeit, während „allein“ (V. 20) die Isolation ausdrückt. Die beiden Wörter stehen gleichrangig nebeneinander und verstärken sich gegenseitig. Der Schluss wirkt somit als sprachliche Verdichtung der zuvor geschilderten Situation und bringt die Erfahrung von Ausgrenzung und Nicht-Zugehörigkeit zusammen.

Erinnerte Kindheit, bleibende Verletzung

Der Ausschnitt zeigt, wie Marković eine kindliche Erfahrung von Ausgrenzung als bleibende Verletzung erinnert. Gerade weil der Ausschnitt so schlicht erzählt ist, wirkt die geschilderte Kindheit nicht abgeschlossen, sondern wirkt weiterhin nach. Marković zeigt keine große dramatische Szene, sondern eine scheinbar kleine Erinnerung, in der sich ein starkes Gefühl von Ausgeschlossenheit entfaltet. In der Rückschau wird daraus keine versöhnte Erinnerung, sondern eine Verletzung. Der Text verdeutlicht eine früh empfundene Zurückweisung als bleibende Verletzung.

Literatur

  1. Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2026. https://lyriktreffen.de/2026-milena-markovic-mirjana-und-klaus-wittmann-2/ (30.06.2026). ↩︎
  2. Ebd. ↩︎
  3. Der verwendete Abschnitt kann auf der Internetseite des Lyriktreffens eingesehen werden: Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie 2026. https://lyriktreffen.de/2026-milena-markovic-mirjana-und-klaus-wittmann-2/ (30.06.2026). ↩︎

Ein Kommentar zu „„Klein und allein“ – ‚Kinder‘ von Milena Marković“

  1. […] Marković setzte sich hin und sah zu. Sie hatte soeben ihre Lesung aus ihrem Langgedicht Kinder beendet und ihr Vortrag hing dem Publikum noch nach, so eindrucksvoll hatte sie gelesen, mit einer […]

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