Zänkische Littchen und problematische Dachböden

Es fühlte sich schon ein wenig nach Sommer an, als wir am Abend des 4. Mai bei Sonnenschein und lauen Temperaturen auf das SpecOps zuliefen, vor dem sich bereits an gut gefüllten Tischen gut geleerte Spaßgetränke sammelten. Ein trügender Schein, denn uns stand keine Auseinandersetzung mit sonnencremedurchtränkter Strandlektüre bevor, sondern mit düsteren Herrenhäusern inklusive wehender Gardinen. Uns erwarteten vier mad women in the attic – oder besser gesagt: die vier Zänkischen Littchen Helena Wilde, Cilly Pola Krämer, Friederike Krüger und Verena Meyer. Die vier sind ebenfalls Kulturpoetinnen und hatten die großartige Idee, queerfeministische Literaturabende auszurichten. Ihre Veranstaltungsreihe läuft unter dem Titel „Let’s Talk: Gothic Fiction (Brontë’s Version)“ und beschäftigt sich an insgesamt vier Terminen mit den wohl berühmtesten drei Schwestern der Literaturgeschichte und ihren Werken. Und was könnte bei diesen Greatest Hits der drei Brontës einen schöneren Auftakt bieten als Jane Eyre?

© Zänkische Littchen

Er ist eine 2/10, aber er versteckt seine Ehefrau auf dem Dachboden

Denn, sicher, Jane selbst ist ein faszinierender Charakter: Schon als Kind eigentlich erwachsen, stets bei sich und ihren Werten und wahnsinnig headstrong – alles, was wir uns von einem strong female lead wünschen. Und natürlich haben uns auch an diesem Abend Jane und ihre Suche nach Zugehörigkeiten beschäftigt. Wer uns in der Diskussion aber deutlich mehr auf Trab gehalten und die Gemüter zuweilen erhitzt hat, war niemand geringeres als Mr. Edward „problemat(t)ic“ Rochester. Zunächst verwiesen uns die Littchen auf den Umstand, dass Jane in ihrer Narration erstaunlich oft betont, Mr. Rochester sei wirklich ein wahnsinnig unattraktiver Mann – das kann man dank Michael Fassbender in der Verfilmung von 2011 gerne mal vergessen –  und ließen uns dann all seine red flags auflisten (Spoiler: Es sind mehr als bei einer chinesischen Militärparade). Prima, dann sind wir uns ja alle einig und können nach Hause gehen. Oder? Nein, natürlich nicht! Eines der Littchen haute ungebremst den Hot Take raus, die Frau im Dachboden sei schon irgendwie okay, wenn die Ehe unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geschlossen wurde und sie ihm gegenüber wohl auch missbräuchlich war. Abgesehen davon sei die einzige Alternative ein Aufenthalt in einer psychologischen Institution mit zweifelhaften Methoden. Das wäre ein viel größeres Übel für Bertha, als im eigenen Zuhause gepflegt zu werden. Naja, und da hat sie auch wieder einen Punkt! (Einen Punkt, der übrigens wiederum das Fass aufmacht, wie schnell Frauen und BIPoC als psychisch krank abgestempelt wurden und wie schwierig der Umgang mit psychisch kranken Menschen zur Zeit der Brontë-Schwestern generell war). Irgendwas muss eine emanzipierte Frau wie Jane an ihm doch schließlich gefunden haben. Das kann nicht nur der Mangel an Optionen und forced proximity gewesen sein. Nein, es ist auch banter und tension und die Tatsache, dass er eigentlich genau der Typ ist, der zu allen ein Arsch ist, aber bei ihr auch seine softe Seite zeigen kann. Wurde hier vielleicht die Saat für den dark romance MMC bad boy gesät?

© Zänkische Littchen

Let’s Yap

Fragen über Fragen und Meinung über Meinung, so erstreckte sich der Abend bei den Littchen bis circa. 21.45 Uhr. Die Diskussion verlief dabei super angeregt, was letztlich auch der kompetenten Moderation und den Inputs von Helena, Cilly, Friederike und Verena geschuldet ist. Neben Zitaten, Film-Stills und Diskussionsfragen wurden wir vor allem auch mit reichlich Memes zum Lachen und Grübeln gebracht. Besonders gut: Die Inputs waren immer so gestaltet, dass auch Menschen, die den Roman (noch) nicht gelesen hatten, in das Thema und in das Gespräch einsteigen konnten. 

Wer jetzt richtig Lust auf gemeinsames Yappen über gothic fiction und fragwürdige Lovestorys bekommen hat, muss gar nicht traurig sein, dass die Veranstaltung schon vorüber ist, denn am 18. Mai geht es weiter. Beim zweiten Talk werden sich die Zänkischen Littchen Wuthering Heights widmen, was gerade dank der Verfilmung von Emerald Fennell eine Renaissance erfährt – der haben sich Sina und Neele schon in diesem Artikel gewidmet. Also lest gerne rein, schaut gerne rein, und yapt mit!

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