Scham, Sex – und die ganz großen Gefühle: Emerald Fennells „Wuthering Heights“ als gescheiterte Wiedergeburt?
„I can’t say I’m making Wuthering Heights. It’s not possible. What I can say is I’m making a version of it.“ – Emerald Fennell
Die Erwartungen an Filmadaptionen sind hoch. Einerseits sollen sie dem bestehenden Werk gerecht werden, andererseits als eigenständige Kunstform fungieren, wodurch sie sich zwangsläufig zwischen Treue und Abweichung bewegen. Das Statement „Das Buch ist viel besser als der Film“ ist häufig Konsens und zeigt die kaum zu erfüllende Erwartungshaltung an Literaturverfilmungen. Die Übertragung eines Textes in ein anderes Medium bedeutet immer Anpassung und auch Verlust: Szenen werden gekürzt, Figuren verändert und Schwerpunkte verschoben. Die Bedeutungsebene eines Textes kann sich dadurch grundlegend verändern. Doch was macht eine gute Filmadaption aus? Die möglichst werkgetreue Umsetzung oder die freie Interpretation? Und wer entscheidet, wo die Grenzen liegen?

Die ‘Wiedergeburt’ eines beliebten Klassikers steht somit unter einem besonders hohen Erwartungsdruck. Das Wiedererzählen eines kanonischen Textes erzeugt Aufmerksamkeit, aber auch Kritik und Kontroversen. Es stellt sich die Frage, wie viel Abweichung erlaubt und gewollt ist, bevor Empörung entsteht. Die filmische Umsetzung schafft eine visuelle Ebene, die die individuelle Vorstellungskraft der Leser*innen überlagert. Sie eröffnet neue Perspektiven, schränkt aber gleichzeitig Deutungsmöglichkeiten ein. Denn jede Entscheidung für eine bestimmte Darstellung ist auch immer eine Entscheidung gegen andere Möglichkeiten. Filmadaptionen können Geschichten neu erzählen, Bekanntes beibehalten oder Elemente radikal verändern.
Emerald Fennell entscheidet sich in ihrer Version von Wuthering Heights klar für Letzteres. Sie selbst betont, dass eine direkte Adaption unmöglich sei, und genau das zeigt sich im Film. Handlung, Figuren und zentrale Themen der Vorlage treten in den Hintergrund oder verschwinden ganz. Stattdessen entwirft sie eine alternative Version, die die bestehenden Konventionen aus Brontës Klassiker vernachlässigt und sogar teilweise aufhebt, was medial stark diskutiert wird.
Dabei wird besonders das Auslassen gesellschaftskritischer Themen wie Klassismus, Rassismus und Machtgefälle kritisiert. Stattdessen wird auf eine stark erotisierte, emotional aufgeladene Erzählweise gesetzt. Fennells Version ist keine klassische Adaption, sondern eine bewusste Verfremdung der Buchvorlage. Dabei setzt sie bewusst auf Irritation und intensive Reaktionen. Emotionen wie Scham, Ekel, Verwirrung und Trauer stehen im Vordergrund, während die tiefere Auseinandersetzung mit der Vorlage in den Hintergrund rückt. Viele Szenen scheinen gezielt darauf angelegt zu sein, zu schockieren und zu provozieren, was durchaus an einigen Stellen funktioniert. Besonders deutlich wird dies in der Szene, in der Isabella wie ein Hund auf allen vieren, angekettet am Kamin sitzt und dadurch bewusst Assoziationen zu einer BDSM-Szene hervorruft. Der Film hat einige berührt, andere kalt gelassen, weitere wiederum wütend oder traurig gemacht und insgesamt sehr viel Diskussion und Polarisierung ausgelöst.
„There was a version I remembered reading that isn’t quite real. And there’s a version where I wanted stuff to happen that never happened. And so it’s Wuthering Heights and it isn’t.“ – Emerald Fennell
Um ihre eigene Interpretation eines Werkes zu verdeutlichen, setzt Fennell die Titel ihrer Filme in Anführungszeichen. Dabei fungiert der Film fast als eine Art Fanfiction über Heathcliff und Catherine. In dieser erzählt Fennell die Geschichte auf eine andere Art und Weise. Sie streicht Charaktere wie Catherines Bruder und legt einen Fokus auf das erotische Begehren, das in der Buchvorlage nahezu gar nicht thematisiert wird. Es stellt sich die Frage: Darf der Film bei so viel Abweichung dann überhaupt noch den Titel des Klassikers Wuthering Heights tragen? Und kann von einer Adaption gesprochen werden, wenn der Inhalt des Buches und wichtige rahmende Aspekte nicht beachtet wurden? Beispielsweise wird Heathcliff im Buch als PoC beschrieben. Fennell castet hingegen Jacob Elordi, einen weißen Mann, für diese Rolle. Diese Entscheidung wird medial stark kritisiert. Darin zeigt sich, dass eine Adaption niemals losgelöst von den Erwartungen und Ansprüchen ihres Publikums existiert.
Ist das noch Adaption oder schon Parodie?
Es wird jedoch schnell klar: Wuthering Heights glänzt auch mit einigen amüsanten Momenten, die den Kinosaal auflachen lassen. Diese komödiantischen Sequenzen lassen die fehlende Chemie zwischen Jacob Elordi und Margot Robbie fast vergessen. Als ein Schwein im Eingangsbereich zum Earnshaw-Hof geschlachtet wird, versucht Catherine dies voller Inbrunst zu unterbinden, indem sie sich vor Heathcliff aufbäumt. Es entsteht eine unangenehm zu beobachtende Situation, in der sich die beiden Figuren anstarren und die Funken zwischen ihnen zwar auf die Zuschauenden überspringen sollen, dies aber vollends nicht schaffen. Das Publikum muss dies zunächst ertragen, in der Hoffnung, doch irgendwann die aufkeimenden Gefühle der beiden auch selbst zu spüren – leider vergebens. Wenn man diese Szene fast nicht mehr aushalten kann, folgt ein Schnitt zu Joseph (ein Knecht auf dem Earnshaw-Hof) und einer anderen Angestellten, die dieses Geschehen ebenfalls beobachten und sich einen verwirrten und unangenehm berührten Blick zuwerfen. Hier spiegeln sich die Gefühle des Publikums und der beiden Figuren auf der Leinwand. Das eröffnet wiederum die Frage: Wurde diese unangenehme Sequenz – die man nun wirklich nicht ernst nehmen kann – mit Absicht auf diese Weise inszeniert, wenn dies sogar in der Diegese selbst von anderen Figuren zur Kenntnis genommen wird?

Die Antwort lässt sich in der einfachen These festhalten, dass es sich bei der neuesten Adaption von Wuthering Heights zumindest bis zur ersten Hälfte um eine Parodie der eigentlichen Geschichte handelt. Die komplexe und eigentlich tiefgehende Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine wird im Film nicht ernsthaft erzählt, sondern mit erotischen Anspielungen und ohne echte Chemie überspitzt dargestellt. Schon bei der Vermarktung des Films hätte klar sein müssen, dass es sich um keine ernsthafte Adaption des Literaturklassikers handeln kann. Wuthering Heights ist am 12.02.2026 in den Kinos erschienen – zwei Tage vor Valentinstag. Damit suggeriert die Vermarktung eine typische Liebesgeschichte, womit eine entsprechende Erwartungshaltung aufgebaut wird. Doch genau mit diesen Erwartungen der Zuschauer*innen bricht der Film letztendlich jedoch, indem er keine romantische Liebesbeziehung behandelt, sondern vielmehr ganz bewusst mit dem Gefühl der Scham auf unterschiedlichen Ebenen spielt.
Scham als zentrale Emotion
Scham fungiert in Fennells Film als Emotion der Figuren, als ästhetisches Mittel der Inszenierung und als Reaktion des Publikums. Scham entsteht dort, wo soziale Normen verletzt werden oder wo man sich selbst im Blick der anderen wahrnimmt. Die Sprachlosigkeit, das Bedürfnis, sich zu verstecken oder zu entziehen – all das sind Ausdrucksformen dieses Gefühls. Bereits die Eröffnungsszene macht das deutlich. Ein lustvolles Stöhnen eröffnet den Film, ohne dass zunächst ein visueller Kontext gegeben wird. In Verbindung mit der Vermarktung als Liebesfilm liegt eine sexuelle Deutung nahe. Diese Erwartung wird jedoch unmittelbar gebrochen, da das Stöhnen zu einem Mann am Galgen gehört. Hier spielt Fennell bewusst mit den Erwartungen des Publikums, da der Moment der Erkenntnis nicht nur die Szene, sondern auch die Annahmen der Zuschauenden entlarvt. Die daraus entstehende Irritation erzeugt einen ersten Moment von Scham.

Dieser Mechanismus setzt sich im weiteren Verlauf fort. Der Film zwingt das Publikum immer wieder in eine Position, in der es sich seines eigenen Blicks bewusst wird. Es beobachtet eine destruktive Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff, intime Grenzüberschreitungen und Tabubrüche. Es kann sich diesem Blick zugleich nicht entziehen, was beschämend sein kann. Auch innerhalb der Handlung wird Scham inszeniert. Besonders Catherine steht hierbei im Zentrum, da sie sich zunächst für ihre Gefühle gegenüber Heathcliff schämt und versucht, diese zu verbergen. Um ihren Gefühlen Raum zu geben, verlässt sie das Haus und masturbiert versteckt hinter einer Felswand. Im Glauben, unbeobachtet und ungestört zu sein, verlagert sich ihr Schutzraum und ihre Privatsphäre von ihrer Innenwelt in die offene Natur. Als Heathcliff sie jedoch unterbricht und in dieser vulnerablen Position sieht, wird dieser Schutzraum entscheidend verletzt. Catherine erlebt sich plötzlich durch seinen Blick und erkennt sich selbst im Moment der Normverletzung als beobachtetes Objekt. Ihre zuvor innere, auf das Begehren gerichtete Scham verschiebt sich damit in den äußeren Raum und wird damit nicht nur empfunden, sondern sichtbar gemacht.
Auffällig ist, dass nicht das Begehren selbst als beschämend inszeniert wird, sondern dessen Wahrnehmung. So wird Catherine in Momenten des Beobachtens zur Stellvertreterin des Publikums, etwa wenn sie Joseph und Zillah beim Sex zusieht. Ihr Blick spiegelt den Blick der Zuschauenden wider und ihr Unbehagen verweist auf die unfreiwillige Position des Publikums. Ihr Voyeurismus erscheint hier zugleich als anziehend und bloßstellend. Scham hängt weniger mit dem tatsächlichen Verhalten als mit dessen Sichtbarkeit zusammen. Was verborgen werden muss, erscheint beschämend. Was jedoch offen ausgelebt wird, verliert diesen Charakter. So verliert Catherine ihre Scham, als Heathcliff und sie ihr gegenseitiges Begehren tatsächlich ausleben. Die Scham kehrt in dem Moment zurück, als Heathcliff ihr während des Sex eröffnet, dass er für sie töten würde. Nicht das Fremdgehen, sondern Heathcliffs Äußerung stellt für Catherine einen Bruch der sozialen Norm dar. Dieser Moment markiert eine Form der Erkenntnis für sie, da sie sich der destruktiven Dynamik ihrer Beziehung zu Heathcliff bewusst wird. Ihre gleichzeitige Anziehung und Abscheu gegenüber ihm schockieren sie selbst.
Diese Dynamik spiegelt sich in der Rezeption des Films wider. Besonders auf Social Media wurden polarisierende Reaktionen von Begeisterung bis Ablehnung geteilt: Während einige den Film als mutige Neuinterpretation lesen, kritisieren andere die radikale Abkehr von der Vorlage. Besonders das Auslassen zentraler Themen und die starke Fokussierung auf Provokation stehen in der Kritik. Gerade durch die Kontroversen bleibt der Film jedoch präsent. Auch hier kann Scham entstehen. Etwa dann, wenn die eigene Meinung von der Mehrheitsmeinung abweicht. Fennells Wuthering Heights ist damit weniger eine Wiedergeburt des Klassikers als dessen bewusste Verfehlung, weil sie normative Erwartungen an die Literaturverfilmung bewusst unterläuft.
Fennells Adaption als gescheiterte Wiedergeburt des Klassikers?
Im Buch erfährt die Geschichte von Catherine und Heathcliff eine Form der Wiedergeburt: Zum einen wird die Geschichte durch die komplexe Erzählstruktur zyklisch, da die beiden Ich-Erzähler, Lockwood und Nelly, sie durch ihre Berichterstattung weitertragen. Zum anderen stirbt Catherine bei der Geburt ihrer Tochter Cathy, was ebenfalls eine Art Wiedergeburt und Fortführung der Geschichte markiert. Im Film wird dieser Zyklus aber aufgelöst: weder existiert die Erzählstruktur, noch gebärt Catherine am Ende ein Kind. Sie erleidet eine Fehlgeburt und stirbt an deren Folgen. Somit scheint die Geschichte von Catherine und Heathcliff auserzählt, eine weitere Wiedergeburt wirkt unmöglich. Der Film unterbindet damit, anders als die Romanvorlage, eine Renaissance der Geschichte und auch die Kritiken und gespaltenen Rezensionen machen weitere Adaptionen fast unmöglich. Emerald Fennell setzt in ihrer Umsetzung zwar andere und interessante Schwerpunkte, zieht die Satire oder Parodie der Liebesbeziehung jedoch nicht bis zum Ende durch und bricht zudem die zyklische Erzählstruktur des Klassikers. Eine Renaissance in Form von zukünftigen Adaptionen wird damit erschwert: Fennells Wuthering Heights hat für so viel Aufregung und Trubel gesorgt, dass man sich wahrscheinlich nicht so schnell nochmal an eine Adaption des Literaturklassikers wagen wird – und wenn doch, dann wird die nächste Adaption mit Sicherheit sehr romangetreu.

Ganz gleich, ob es sich um eine Parodie, Interpretation oder Fanfiction handelt, Fennells Version konzentriert sich vor allem auf die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff und stellt eine Adaption von Wuthering Heights dar, die die gesellschaftlichen Umstände ignoriert und sich weit von der Romanvorlage entfernt. Die Frage bleibt: Wie groß darf die Distanz zwischen einer Literaturverfilmung und ihrer Buchvorlage sein?
Von Sina Peters und Neele Henkler
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