Wir haben Hunger

Seit 20 Jahren und mehr haben wir Hunger. Das fing an mit deiner Mutter und ihrer Mutter und irgendeine Mutter davor hat vielleicht mal nicht gehungert, aber deren Mutter dann halt doch wieder. Der Hunger ist in unserm Bauch, aber auch in unseren Knochen und in unserem Denken. Der Hunger ist auch in aller Munde, bei deinen Freund:innen und in Magazinen und bei den kopfschüttelnden älteren Generationen, die den Hunger gar nicht mehr als solchen wahrnehmen.

Der Hunger schaut in der Stadt von oben auf dich herab, du versuchst, nicht zurückzuschauen, aber sein Blick zieht dich auch so aus, Schicht für Schicht und nackt nimmst du noch viel mehr Platz ein.

©Kulturproleten

Du weißt vieles über den Hunger: Dass er laut wird, wenn die Zeiten unruhig sind und Frauen leiser werden sollen. Dass er beste Freunde ist mit „Leistung“. Dass er ein Pseudo-Achievement ist, das dich klein und ruhig hält, aber hey, immerhin hast du Größe extra-irgendwinzig und du bist so fragil und das ist es doch, was eine Frau sein sollte, oder. Oder? Während dich der Typ beschützt? Der Typ, der größer und stärker und breiter und lauter ist als du? Der Typ, der regelt, deine Probleme und deine Politik. Dein Typ regelt das schon.

Du musst den Mund gar nicht aufmachen. Nicht zum Sprechen und auch nicht zum Essen. Dann schon eher die Beine.

Du guckst dich um und sorgst dich um die Frauen in Hollywood, deine Freundinnen, deine Schwestern, und hoffst, dass du trotzdem die Hungrigste von ihnen bist. Die Beste. Die, die am meisten geschafft hat und trotzdem zu ihnen steht. Hm? Würde dich das glücklich machen?

Der Hunger klebt unter deinen Fingernägeln. Der Hunger scheißt dir ins Hirn und du trägst die Scheiße durchs ganze Haus.

Manchmal scheint es, als hätten wir den Hunger durchschaut: Wir werden groß und stark und laut und sind genährt und voller Kraft und nehmen uns, was uns gehört. Also: Nehmen uns unsere Körper zurück und unsere Kleidung und unsere Lust und unsere Rechte. Unsere Brust so stark, unsere Beine so kräftig, dass das Licht um uns gebrochen wird, statt durch uns durchzuscheinen.

Aber jetzt ist er wieder da, der Hunger, wir haben ihn kommen sehen und wir haben nichts gemacht. Hätten wir etwas machen können? Jetzt ist der Hunger draußen vor der Tür und deine Mutter sagt „Mach nicht auf“, sie kennt das Spiel schon.

Wir haben den Hunger kommen sehen, das weißt du, und wir haben ihm Platz gemacht, obwohl wir wütend auf ihn waren. Wir haben den Hunger in seiner Verkleidung erkannt und ihn trotzdem über die Schwelle gelassen. Und es ist viel schwieriger, jemanden rauszuwerfen, als ihn gar nicht erst hineinzulassen.

Denk dran, dass wir bereits einmal dort waren – selbständig, wir in unsrem Zimmer für uns allein, der Hunger eher eine Erinnerung als eine Präsenz. Wir wissen, dass es diesen Zustand gibt, in dem unsere Beine uns verlässlich tragen und unsere Stimmen laut sind. Wir wissen, dass unsere Bäuche voll sein müssen, um handlungsfähig zu bleiben, um unseren Kopf wach zu halten.

Denk dran, woher der Hunger kommt, und was er im Gepäck hat. Denk dran, wer den Hunger losgeschickt hat. Der Hunger hat kein Eigeninteresse. Der Hunger arbeitet fürs Patriarchat. Das Patriarchat arbeitet nicht für dich. Und du brauchst starke Arme, um deine Schwestern festzuhalten.

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