If we burn, you burn with us.1
Wenn ich Social Media öffne, sehe ich junge Menschen, die auf die Straße gehen. Die für bessere Bildung, für mehr finanzielle Förderung und für Gerechtigkeit protestieren. Die mutig sind und sich Gehör verschaffen wollen. Generationen, die gemeinsam gegen eine Politik aus leeren Versprechungen und mystischen Erzählungen demonstrieren. Gegen eine Politik, die sie allesamt vergisst, ihre Interessen unterordnet und belächelt. Diese Erfahrung, nicht inkludiert, nicht gesehen und nicht ernst genommen zu werden, löst Empörung, Wut und den Wunsch nach Veränderung aus. Die von Paris ausgehenden weltweiten Proteste setzen ein klares Zeichen: Wir gehen auf die Straße, wir kennen unsere Rechte und Freiheiten, wir lassen sie uns nicht nehmen. Trotz der vielen friedlichen Proteste überwiegen die Bilder der gewaltvollen Ausschreitungen in den Medien. Polizeigewalt sehen wir en masse. Wo ist der Aufschrei, wenn Minderjährige verprügelt werden, die sich für ihre Zukunft einsetzen? Es sind explosive, imposante, gewalthaltige Bilder. Die eigentliche Nachricht der Proteste gerät in den Hintergrund und wird dabei völlig vernachlässigt. Das bestehende Narrativ, die Gen Z sei faul und solle sich nicht so anstellen, soll aufrechterhalten und durch nichts erschüttert werden. Der Mythos steht. Noch.
Aufmerksam ließen mich vor allem Beschriftungen wie “If we burn, you burn with us” auf Protestplakaten werden. Ein Zitat aus The Hunger Games. Auch das Zeichen des Spotttölpels war vielerorts zu sehen. Gänsehaut bekam ich, als das Orchester Nouveau Monde mit 400 Musiker*innen am Place de la République in Paris inmitten von Tränengas The Hanging Tree ungehemmt weiterspielte. Ich würde behaupten, die Bücher und Filme haben viele in unserer Generation nachhaltig geprägt. Sie sind aktueller denn je, nicht nur, weil im November der neue Film The Hunger Games: Sunrise on the Reaping in den Kinos erscheint. Diese Dystopie bestärkt das kollektive Gefühl eines möglichen Widerstands, der Rebellion in einer Welt, die unserer eigenen gar nicht mehr so unähnlich ist. Katniss’ Geschichte und die der Bewohner*innen der Distrikte sind unsere eigenen. Sie bieten ein Gegengewicht zu diesen anhaltenden Gefühlen der Macht- und Fassungslosigkeit, obwohl ihre Lage zuerst aussichtslos erscheint. Auch wenn ich mit 13 Jahren noch nicht das volle Ausmaß dessen, was Suzanne Collins uns mit dieser Welt vor Augen führen wollte, begreifen konnte, hat mich die Geschichte sofort in ihren Bann gezogen.
Der Mythos der Hungerspiele
Die Idee zu The Hunger Games kam Suzanne Collins, während sie sich durch verschiedene Fernsehprogramme durchklickte. Die Gleichzeitigkeit von brutalen Bildern der Kriegsberichterstattung aus dem Irak-Krieg einerseits und Unterhaltungsformaten wie Reality-TV-Shows andererseits legten den Grundstein für eine Geschichte über eine blutrünstige, vom Staat instrumentalisierte TV-Show. Neben realer Ereignisse schöpfte Collins für die Umsetzung ihrer Idee auch aus der griechischen und römischen Mythologie. Eine grundlegende Inspirationsquelle ist der Mythos von Theseus und dem Minotaurus. Dort werden zur Besänftigung des Königs Minos alle neun Jahre sieben Jungen und sieben Mädchen aus Athen als Tribute nach Kreta geschickt, um von einem Minotaurus in einem Labyrinth gefressen zu werden. In Collins Geschichte wird das Labyrinth durch eine Arena und der Minotaurus durch grausame Mutationen der Spielmacher – genetisch modifizierte Tiere, die als tödliche Waffe entwickelt wurden – ersetzt.2
Den Namen der Nation Panem leitete Suzanne Collins von dem lateinischen Spruch “Panem et circenses” (Brot und Spiele) ab. Günstiges Essen wie Brot und gewalttätige Unterhaltung sollen die Bevölkerung von Aufständen ablenken, die reichen Kapitol-Bewohner*innen unterhalten und die unterdrückten Distrikte kontrollieren und verängstigen.3
Mithilfe dieses Mythos, also der Erzählung, die die Hungerspiele legitimieren soll, wird eine Identität, eine übergreifende Erklärung, ein Sinn und eine Ordnung für Panem geschaffen. Das Kapitol erhebt Anspruch auf Wahrheit und Weltordnung. Das Narrativ und die Geschichte, die es den Bürger*innen von Panem als gegeben und unerschütterlich verkauft, beginnt jedoch zu bröckeln. Der Autoritäts- und Wahrheitsanspruch des Kapitols wird hinterfragt. Die Rebellion erwacht: In Form eines Vogels.
Mockingjays als Stimme der Distrikte
Während der ersten Rebellion nutzt das Kapitol in The Hunger Games eine mutierte Vogelart, die Jabberjays (Schnattertölpel), gezielt, um die Bewohner*innen der Distrikte abzuhören und auszuspionieren. Die Vögel sind so programmiert, dass sie das innerhalb der Distrikte Gesagte wiedergeben können. Die Bewohner*innen bemerken das Abhörsystem hinter den Vögeln jedoch schnell, weshalb sie sie für ihre Zwecke instrumentalisieren und gezielt Falschinformationen verbreiten. Erbost über diese Erkenntnis veranlasst das Kapitol die Jabberjays auszurotten. Dabei hat es allerdings nicht mit dem Widerstand der Vögel gerechnet. Diese paaren sich mit den Mockingbirds (Spottdrosseln), die als Singvögel in Panem vorkommen, woraus die Mutation der Mockingjays (Spotttölpel) entsteht. Zwar können die Mockingjays nicht das Gesagte, dafür aber Melodien wiedergeben und weitertragen. Als Anomalie des Systems sind sie nun ein Teil der Distrikte, ein Instrument, eine Waffe, ihre Stimme, ein Symbol. Der Widerstand gegen die Ausrottung und die Entstehung einer neuen Vogelart, die auch noch Spotttölpel heißt – den Versuch des Kapitols, die Jabberjays auszurotten, also verspottet –, verdeutlicht den Beginn einer Dekonstruktion des Narrativs, das hinter den Hungerspielen und der Ordnung Panems steckt. Mockingjays verbreiten Hoffnung in einem System, in dem sie nicht vorgesehen waren, nicht bedacht wurden.4 Das macht die Rebellion noch stärker. Die Entwicklung der Vögel von Kontrollorganen des totalitären Systems in Panem hin zu Hoffnungsträgern der Distrikte und einem Zeichen der Rebellion verbildlicht, dass alles Gegebene sich jederzeit verändern kann, sowohl ins Bessere als auch ins Schlechtere. Die Frage ist, welchen Mythen lange genug Glauben geschenkt wird und gegen welche es sich lohnt, auf die Straßen zu gehen. Die Mockingjays zeigen den Distrikten, dass sie nicht machtlos sind, sie mit bestehenden Narrativen und Ordnungen brechen, sich diese aneignen und Widerstand leisten können.
To kill a myth
“I think […]of the country as a whole, and how we just keep submitting to the Capitol’s rule. Why?”5 Die Frage, wieso der absurden Ordnung des Kapitols und den Hungerspielen Folge geleistet wird, die sich Haymitch Abernathy, selbst Tribut und späterer Mentor von Katniss und Peeta, während der Hungerspiele stellt, beschäftigt auch uns Lesende und Zuschauende. Dieses “Why?” hallt nach. Auch auf den Straßen der Proteste weltweit. Eins ist klar: So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Etwas muss sich ändern. Doch wie? Die Bilder, Gesänge und Ausschreitungen erreichen eine Vielzahl von Menschen. Sie werden weitergetragen und verbreitet. Sie entfachen kollektive Empörung und Solidarität. Sie sind unsere ganz eigenen Mockingjays, die dabei helfen, das Gefühl der Machtlosigkeit im Kern zu ersticken. Gen Z macht es vor. Wer zieht mit?
If we burn, you burn with us.
Quellen:
1Collins, Suzanne: Mockingjay. New York: Scholastic 2025. S. 100.
2Margolis, Rick: A Killer Story. An Interview with Suzanne Collins, Author of the ‘Hunger Games’ Under Cover.https://www.slj.com/story/a-killer-story-an-interview-with-suzanne-collins-author-of-the-hunger-games (Abgerufen am 28.10.26).
3Hudson, Sydney G.: Panem et Circenses: Entertainment and Empires in The Hunger Games Series. Undergraduate Honors Theses, Gardner-Webb University 2025. https://digitalcommons.gardner-webb.edu/undergrad-honors/70 (Abgerufen am 28.10.26).
4The museum of fictional literary artefacts. Mockingjay. https://mfla.omeka.net/items/show/154 (Abgerufen am 28.10.26).
5 Collins, Suzanne: Sunrise on the Reaping. New York: Scholastic 2026. S. 300.
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