Adiós, ihr Nullen, rief Lütke und setzte sich nach Spanien ab

Vom Himmel schreit es nach Herbst. Grus Grus. Zu Hunderten fliegen sie in den Süden auf dem Kranichhighway direkt über meinem Haus. Stundenlang könnte ich in den Himmel schauen und die klangvollen Einsen über mich hinwegziehen lassen. Manch eine Eins erinnert eher an eine Drei Minus, aber was soll’s. Irgendwas am Ruf dieser Vögel lässt meinen Blick automatisch gen Himmel wandern. Ich muss aufpassen beim Radfahren im Stadtverkehr. Die Enttäuschung ist groß, wenn ich sie zwar hören, aber nicht sehen kann. Vielleicht zu groß. Zumindest auf dem Papier bin ich erwachsen, warum also die Aufregung?

Nahezu jede Mythologie hält Erzählungen um den Kranich bereit. Die Bedeutungen, die dem Tier dabei zugeschrieben werden, sind zahlreich und bewegen sich selbstverständlich diametral zwischen den Polen Hochzeit und Geburt und Krieg und Tod. Ja klasse. Gar nicht missverständlich auch. Da weiß ich ja direkt, was mir blüht. Für die Sache mit den Geburten – so dachte ich immer – wäre der Storch zuständig, aber naja, ein bisschen Arbeitsteilung hat noch keinem geschadet. Worauf sich viele einigen zu können scheinen, die sich in irgendeiner Weise hobbyornithologisch mit dem migrierenden Federvolk am Firmament beschäftigen: Glück bringt er, der Kranich. Und irgendwie ist das auch naheliegend. Im Frühling kehren die Kraniche zurück und läuten die laueren Tage ein. Die Menschheit sieht nach langen Monaten geprägt von Winterdepression und kalten Füßen endlich Licht am Ende des Tunnels, wenn die über sie hinwegziehenden Vögel ihnen spätestens im März zurufen: Leute, es gibt Hoffnung, raus aus den Federn, das Leben geht weiter und das Leben ist schön! Allgemein positivere Stimmung, mehr gut gelaunte Passanten in den Straßen, die Welt ist wieder in Ordnung. Das Glück fügt sich in diese alljährliche Renaissance der Wintermuffel ein wie ein verloren geglaubtes Puzzleteil. Alles wird wieder gut.

Irgendwann so circa 2009 kam mal jemand zu mir und meinte: Hier, guck mal, ich hab nen Kranich gefaltet. Ich dachte dann aus unerfindlichen Gründen, das wäre ein gesellschaftlich anerkannter und für das Leben eines Menschen relevanter Skill. Zum Glück hat niemand jemals danach gefragt, weil ja, ich habe es versucht, aber nein, es war dann kein Kranich, es hatte eher die Gestalt einer verunglückten Ente am Straßenrand. Naja. Stets bemüht.

Dass ich mich gerade im Herbst so über die Kraniche freue, wirft Fragen auf. Schließlich machen die sich gerade vom Acker und es folgt eine recht lange Abwesenheit des Kranichs in den heimischen Gefilden. Kranichlose Zeiten bahnen sich an. Und was passiert dann mit dem Glück, das sie im März gebracht haben? Nehmen die das einfach mit und kommen dann im nächsten Jahr wenigstens mit ner neuen geupdateten Version davon wieder? Dein Glück jetzt noch glücklicher, weil Glück nicht glücklich genug ist. Glück 2.0. Das Extraglück. Nein sagen würde ich nicht.

Weniger stabil abgeliefert hab übrigens nicht nur ich beim Origami. Der Kranich war Vogel des Jahres 1978. Danach stagnierte die Performance. Ihm wurde der Rang abgeflogen. Weißstorch, Braunkehlchen, Rebhuhn, Rotkehlchen, Kiebitz und Feldlerche waren seitdem jeweils schon zweimal wieder die Nummer Eins der gefiederten Kollegen. Schwache Leistung, Kranich. Drei Minus.

Jahrelang hab ich behauptet, der Winter sei meine liebste Jahreszeit. Tu ich auch immer noch. Obwohl auf den Schnee so langsam wirklich kein Verlass mehr ist und die Herausforderung, diese in den Augen des gemeinen Sommermenschen wahnwitzige Geschmacksverirrung irgendwie überzeugend zu legitimieren, damit immer größer wird. Aber ich bin ein Winterkind, also hab ich das Konzept ausgeweitet, um wenigstens für mich die Argumentation zugunsten der kalten Jahreszeit auszulegen. Ein weitergefasster Winterbegriff musste her. Alles was nicht Sommer ist, ist jetzt einfach auch Winter. Und Kraniche am Himmel im Oktober kündigen ihn an, meinen geliebten Winter. Alles zwischen Kranich und Kranich ist gut. Also doch logisch, dass mich das Trompeten über dem Haus trotzdem glücklich macht. Immerhin bedeutet es auch, dass der Winter hier noch kalt genug ist. Dass die Notwendigkeit besteht, in wärmere Gefilde überzusiedeln. Manch einer könnte behaupten, es handele sich hierbei um ein Luxusproblem.

Apropos uneindeutig: Das englische crane bedeutet neben ‘Kranich’ vor allem ‘Kran’ und veraltet auch ‘Zapfhahn’. Während der Kranichführer mit seinem Kranich noch schnell die letzten schweren Lasten umverteilt, wird in der Kneipe nebenan nach Ladenschluss der Kranich geputzt, aus dem den lieben langen Tag eine hopfige Flüssigkeit floss. Klappt im Deutschen nur so semi-gut. Wir sind anders abgebogen. Schade.

Wie auch immer. Ich überwinter hier. Unter meinen drei Bettdecken und mit heißer Schokolade. Schaue aus dem Fenster und lese ein Buch. Schaue den bunten Blättern nach, die der Wind durch die Straßen pustet. Meine Regenhose ist dicht. Heute ist ein guter Tag um glücklich sein, singt der Raabe leise aus der Marshall-Box. Das Leben ist jetzt und das Leben ist schön. Grus grus, grüß mir die Sonne!

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