Vom Sehen und Gesehenwerden: Kassandra

So they killed Cassandra first

‚Cause she feared the worst

And tried to tell the town1

Taylor Swift hat etwas zu verarbeiten und schreibt einen Song darüber. 2024 verarbeitet sie den Konflikt mit Kanye West, der 2009 startete und 2016 seinen Höhepunkt erreichte – geradezu antiker Stoff des Swift-Dramas sozusagen. Wie passend, dass sie dazu eine mythologische Figur bemüht, die bereits in den Homerischen Epen ihr Debüt feierte: Die Seherin Kassandra. Aber was genau sieht Kassandra eigentlich – und vielleicht noch spannender: Wie sehen wir eigentlich Kassandra?

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Kassandra taucht bereits in der Ilias auf. Hier ist sie die Tochter des Priamos und damit eine Trojanische Prinzessin. Außerdem ist sie hier vor allem eins: schön. Und wie alle schönen Königstöchter soll sie in erster Linie verheiratet werden, ohne aktiv am (politischen) Geschehen teilzunehmen. Immerhin werden ihr drei Verse wörtlicher Rede zugestanden, als sie durch laute Wehklage den Tod ihres Bruders Hektor verkündet.2 Dadurch tritt die Figur aus dem Schatten und weist bereits erste Untertöne von „Pathos und Charme“ auf, die spätere Dramatiker inspiriert haben sollen.3 In der Odyssee stirbt sie später durch die Hand Klytaimnestras. Ihren Tod sieht Kassandra aber genauso wenig kommen wie den Untergang Trojas – eine Sehergabe hat sie bei Homer nämlich noch nicht.4

Trotzdem kennen wir Kassandra runtergebrochen auf die Formel „Seherin, der keiner glaubt“ – was ist also zwischen Homer und Taylor Swift noch so passiert? Vor allem die antiken Dichter wie Aischylos und Co. prägen das spätere Bild von Kassandra als Seherin. Pindar ist der erste, der Kassandra explizit als solche bezeichnet. Prägend für die spätere Kassandra-Rezeption sind aber vor allem Aischylos’ Agamemnon und Euripides’ Troerinnen: Hier ist Kassandras Sehergabe zentral, die sie von Apollon erhält, und die sich sprachlich so elaboriert manifestiert, dass sie für ihre Umwelt unverständlich bleibt und eine Außenseiterrolle einnimmt.5 Grundsätzlich ist außerdem der Gott Apollon für ihre Sehergabe verantwortlich. Er will sie verführen und schenkt ihr im Gegenzug die Gabe, doch Kassandra ändert ihre Meinung, nachdem sie diese erhalten hat. Apollon kann sie nicht mehr zurücknehmen und spuckt ihr stattdessen in den Mund, um ihr den Fluch aufzuerlegen, dass sie zwar weissagen kann, aber niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenken wird.

Mittelalter Gouda

In der mittelalterlichen Rezeption rückt Kassandra dann in den Hintergrund, da sie als Prophetin nicht so wahnsinnig gut ins christliche Weltbild passt. Zunächst machte man sie weniger wichtig, indem man ihr ein paar weitere, kompetente und natürlich männliche Seherfiguren zur Seite stellte, wie in den Trojaromanen. Im 14. Jahrhundert wird Kassandra in Chaucers Troilus and Chrysede schließlich zu einer vollständig negativen Figur: Sie ist eine alte hexenhafte, männerhassende Jungfer und hässlich obendrein. Heutzutage fast wieder sympathisch, damals aber eher nicht so das Material für einen Publikumsliebling. Die wahre Frechheit bestand aber darin, dass man ihr die Seherinnengabe nahm. Ihre unheilvollen Prophezeiungen sind nun nichts weiter als Schwarzmalerei und keine Zukunftsvisionen mehr.6 Hier sind go(o)d vibes only erwünscht – ziemlich mittelalterlicher Käse.

©Kulturproleten Erstellt mit Canva.

Zum Glück gab es da aber auch noch Boccaccio, der Kassandra in seiner Novelle Filostrato rehabilitiert, in der sie als weise Ratgeberin fungiert. Außerdem widmet er ihr ein ganzes Kapitel in seiner Sammlung berühmter Frauen: De claris mulieribus. Kassandra ist hier weder als stark negatives noch positives Exempel einer Frau abgebildet und es scheint, Boccaccio sei sich selbst unsicher, wie sie einzuordnen ist. Er gibt nämlich drei mögliche Ursprünge für ihre Sehergabe an: „In der Antike behauptete man, sie habe seherische Fähigkeiten gehabt, ob durch eigenes Verdienst, als Geschenk Gottes oder eher durch Teufelstrug, läßt sich kaum mit Sicherheit sagen.“7 Im christlichen Weltbild ist mit Kassandra also nicht viel anzufangen, sodass sie ein paar Jahrhunderte entspannen kann. Erst in der Klassik und Romantik wird sie wiederentdeckt, zum Beispiel von Schiller in seiner gleichnamigen Ballade von 1802. Richtig spannend wird es aber erst wieder deutlich später.

In meiner Brust kämpfen zwei Wölfe…

…und beide davon sind Christa Wolf. In ihrer Erzählung Kassandra, die 1983 erschien, und in der begleitenden Poetikvorlesung von 1982 widmete sie sich dem Stoff aus einer Perspektive der Frauen- und Friedensbewegung. Und man könnte sagen, sie kämpfte für das Gesehenwerden Kassandras, denn ihre Poetikvorlesung leitete sie mit den folgenden Worten ein:

Es fing harmlos an, nämlich mit einer Frage, die ich mir stellen mußte: Wer war Kassandra, ehe irgendeiner über sie schrieb?8

Christa Wolf sieht ihre Aufgabe also darin, Kassandra aus dem Mythos zurückzuholen und „in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten“9 zurückzuführen. Wolfs Kassandra ist eine lebhafte, sozial und politisch interessierte Person, die einen Beruf ergreifen will und ihrem Stand nach daher Priesterin wird. Dies unterscheidet sie von den bisherigen Darstellungen, in denen sie passiv und fremdbestimmt ist. Auch die Sehergabe ersehnt sie aus eigenem Antrieb heraus. Dabei ist die Auslegung genau dieser Sehergabe bei Wolf ziemlich zentral, denn Übernatürliches wird in diesem Text eher getilgt: Die Götter zeigen ihre Präsenz nur indirekt, z.B. in Träumen, und auch das Verleihen der Sehergabe und das Verfluchen durch Apollon wird nur im Rahmen einer Traumdeutung erkennbar. Die Existenz der Götter wird hier also in Zweifel gezogen und die Sehergabe Kassandras kann eher als ein ungetrübter, realistischer Blick auf die politische Situation Trojas verstanden werden. Dadurch verleiht Wolf der Erzählung einen historischen Anstrich, der realistisch erscheint. In diesem realistischen Rahmen wird nun das Übernatürliche erst nachträglich erfunden, um politisch motiviert zu manipulieren. Zum Beispiel ist Achilleus bei Wolf nicht von göttlicher Abstammung. Er setzt dieses Gerücht über sich selbst aber in die Welt und besticht und erpresst Leute, um das Narrativ zu verbreiten und aufrechtzuerhalten.10 Der Mythos ist in der Welt von Wolfs historisierter Kassandra also relevant, aber nur als Überformung der realistischen Ereignisse.

Shit Cassandra Saw

Ein neuerer feministischer Text ist die Kurzgeschichte Shit Cassandra Saw that She Didn’t Tell the Trojans Because at that Point Fuck them Anyway (2022) von Gwen E. Kirby, die den Erzählband Shit Cassandra Saw eröffnet. Hier wird Kassandra ganz eindeutig eine übernatürliche, extrem potente Sehergabe zugestanden: „It is said that Apollo gave Cassandra the gift of prophecy – this is true.“11 Der Fluch hingegen existiert nicht als solcher: „The women of Troy might listen. They know that Cassandra’s curse is their curse as well. That Apollo spit in her mouth, but it was only spit.“12 Kassandras eigentlicher Fluch liegt also darin, dass sie eine Frau ist und ihr allein aufgrund ihres Geschlechts nicht geglaubt wird. Interessant ist, was Kirby hier mit der Sehergabe macht, denn diese ist im Vergleich zu den antiken Dramen um ein Vielfaches potenziert. Statt innerhalb der eigenen räumlichen und zeitlichen Grenzen zu sehen, kann Kassandra hier weit darüber hinausblicken – bis in unsere heutige Gegenwart. In dieser Gegenwart spielen die anderen Storys des Kurzgeschichtenbandes, von denen einzelne Elemente wie Lichtblitze in Kassandras Visionen aufflackern. Man kann die Story daher nicht nur als Eröffnung des Bandes betrachten, sondern auch als eine Rahmenhandlung, in der die folgenden Geschichten als Kassandras Visionen eingebettet sind.

Mythos Kassandra

Wie wir sehen, hat Kassandra seit der Antike bereits einen ziemlich langen Weg hinter sich. Und auch wenn sie nicht in allen Versionen der Stoffgeschichte ihre Sehergabe besitzt, ist diese doch zentraler Marker der Figur, durch den sie es bis auf den Pop-Olymp geschafft hat. Und das nicht erst durch Taylor Swift: Bereits Disney machte aus ihr in der Zeichentrickserie Hercules eine sarkastische Teenagerin – mit Sehergabe. Dabei ist es im Mythologie-Pop besonders interessant, dass gar nicht so sehr der mangelnde Glaube an ihre Weissagungen das Problem ist. Auch Swifts Cassandra wird ihre Schreckensvision geglaubt, denn sonst hätten ihre Mörder keinen Grund, sie umzubringen, bevor sie ihre Warnung bei der Stadtbevölkerung verbreiten kann. Doch um genau das zu vermeiden, wird sie getötet. Das setzt nicht nur voraus, dass ihr die Mörder Glauben schenken, sondern auch, dass sie davon ausgehen, dass es die Stadtbewohner*innen ebenfalls tun würden. Das Problem ist also nicht, dass niemand Kassandra glaubt, das Problem ist eher, dass das, was Kassandra zu sagen hat, unbequem ist. Kein Wunder also, dass in Zeiten von Klimawandel und dem Outcallen sexualisierter Gewalt und struktureller Ungleichheiten eine neue Lesart von Kassandra dominiert. Die „Mythologie: Taylor’s Version“ als „falsch“ abzutun, wäre also zu einfach, nur weil sie von einem historischen Vorbild abweicht. Wie wir gesehen haben, gibt es ja schließlich sowieso keine eindeutige Originalversion. Stattdessen hat sich Kassandra im Laufe der Zeit immer wieder verwandelt und mit jeder Neuinterpretation andere Eigenschaften aufgerufen. Heute ist sie eine Figur für all jene, die Missstände benennen und beklagen, eine Whistleblowerin, für die noch niemand bereit ist. Eine Figur, die zeigt, dass es bequemer ist, die Warnerin zum Schweigen zu bringen, als sich mit dem auseinanderzusetzen, wovor sie warnt.

Literatur

…

  1. Swift, Taylor: Cassandra. In: The Tortured Poets Department: The Anthology 2024. ↩︎
  2. Vgl. Homer: Ilias. Aus dem Griechischen übers. v. Johann Heinrich Voß. Nach dem Text der Ausgabe letzter Hand von 1821. Mit Einführung und Werkübersicht von Melanie Möller. Stuttgart: Reclam 2023, insbes. XIII. u. XXIV. Gesang. ↩︎
  3. Mason, P. G.: Kassandra. In: The Journal of Hellenic Studies 70 (1959), S. 80–93. ↩︎
  4. Vgl. Homer: Odyssee. Aus dem Griechischen übers. v. Johann Heinrich Voß. Nach dem Text der Ausgabe letzter Hand von 1821. Mit einem Nachwort von Melanie Möller. Stuttgart: Reclam 2023, insbes. XI. Gesang. ↩︎
  5. Vgl. Falke, Matthias: Einleitung. In: Mythos Kassandra. Texte von Aischylos bis Christa Wolf. Hrsg. v. Matthias Falke. Leipzig: Reclam 2006. ↩︎
  6. Vgl. ebd. ↩︎
  7. Boccaccio, Giovanni: Kassandra, Tochter des Priamos, des Königs von Troja. In: Ders.: De claris mulieribus / Die großen Frauen. Lateinisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Irene Erfen und Peter Schmitt. Stuttgart: Reclam 1995, S. 99. ↩︎
  8. Wolf, Christa: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Frankfurter Poetik-Vorlesungen. 6. Auflage. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1984. ↩︎
  9. Ebd., S. 111. ↩︎
  10. Vgl. Wolf, Christa: Kassandra. Erzählung. München: dtv 1993. ↩︎
  11. Kirby, Gwen E.: Shit Cassandra Saw. 7. Auflage. New York: Penguin 2022, S. 3. ↩︎
  12. Ebd., S. 4. ↩︎

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