Im Dorf nannte man ihn den Wunderbaum, denn das war er, ein Wunder. Seinen Namen hatten sich, anders als man bei solch einem Namen vermuten könnte, nicht etwa die Kinder erdacht. Zwar mochten sie den Wunderbaum sehr – er war schließlich der schönste Baum im ganzen Dorf – und im Sommer jagten sie einander zu seinen Füßen und bei der Schneeballschlacht im Winter suchten sie hinter seinem Stamm Deckung und waren sie von all dem müde, dann lehnten sie sich an ihn – aber nein! –, nicht sie waren es, die dem Wunderbaum seinen Namen gaben. Es waren die Erwachsenen. Sie nannten ihn Wunderbaum, weil sie ihn nicht begreifen konnten, und das, obwohl die Erwachsenen fast alles begreifen, aber für diesen einen Baum hatten sie kein Verständnis. Denn im Herbst, da verlor jeder Baum sein Blätterkleid, doch dieser eine Baum, der Wunderbaum, behielt beharrlich jedes Blatt, behielt sein Kleid für sich, trug frühlingsgrüne Blätter im Wintersonnenlicht.
Das konnten die Erwachsenen sich nicht erklären. Wenn doch alle Bäume ihre Blätter verlieren, warum der eine Baum dann nicht? Und es war ja nicht nur das: Nicht nur, dass der Wunderbaum keines seiner Blätter verlor, nein, er besaß auch noch das schönste Blattwerk im ganzen Dorf; man könnte beinahe sagen, das schönste Blattwerk überhaupt! Blatt schloss an Blatt, sie umsponnen den Wunderbaum, kleideten ihn in reines Grün. Ein Grün, durch nichts – keinen Ast, keinen Zweig – gestört, ein Grün, so rein wie der erste Tag, so rein, dass es den Erwachsenen als Ganzes schien, wie das einzig wirklich Reine auf der ganzen Welt.
Woher der Wunderbaum gekommen war, das wusste niemand. Niemand konnte sich erinnern, ihn jemals als jungen Baum gesehen zu haben, mit dünnem Stamm gar oder lichtem Blattwerk, bevor dies zu einem Ganzen wurde. Und das wunderte die Erwachsenen, denn schließlich musste doch auch das schönste Blätterkleid einmal gewachsen sein. Doch dieser eine Baum hatte sich nicht angekündigt. Eines Tages, wie bei Wundern üblich, war er einfach da gewesen. Und seit diesem Tag verehrten ihn die Erwachsenen und es schien ihnen, dass selbst der Wind nicht wagte, durch das Grün des Wunderbaums zu streichen; ja, es schien ihnen doch tatsächlich, dass auch die Vögel es mieden, sich auf ihm niederzulassen, denn auch sie erkannten das Wunder in ihm.
All dies gefiel dem Wunderbaum sehr. Besonders im Winter, wenn die anderen Bäume nackt und kahl wurden und die Kinder nicht zu ihren, sondern zu seinen Füßen spielten, da erfreute er sich an seiner Schönheit. Doch so voller Stolz, wie er war, so voller Grimm waren die Bäume, die nichts Wunderbares an sich hatten. Und sie stellten sich die Frage, wie er es schaffte, der Wunderbaum, das ganze Jahr so schön zu sein, wo dies doch keinem von ihnen gelang. Aber wenn sie den Wunderbaum fragten, dann wich er ihnen aus, sagte, er habe selbst keine Antwort, die wisse wohl niemand. Und davon ganz abgesehen, fügte er hinzu, sei doch jeder Baum für sich schön. Im Herbst etwa, da beneide er die anderen Bäume, wenn ihre Blätter in allen Farben erstrahlten, und auch im Frühjahr, wenn der Frühling ihnen ein neues Blattkleid schenkte, da wäre er gerne einer von ihnen, denn er selbst müsse das ganze Jahr und das ganze Leben das immergleiche Grün tragen.
Doch die anderen Bäume glaubten ihm nicht und sie beschlossen, das Geheimnis des Wunderbaums zu lüften. Sie waren sicher, dass er eines hütete, dass er es hinter seinem schönen Gewand verbarg. Und sie suchten nach einem Weg, ihm zu schaden. Allein, das erkannten sie schnell, konnte es nicht gelingen, doch von ihren Vertrauten, den Vögeln und dem Wind, war keine Hilfe zu erwarten, denn wie die Erwachsenen bewunderten sie den Wunderbaum.
Eines Tages jedoch, es war zur Sommerzeit und die Kinder jagten einander um den Wunderbaum, da kam ihnen eine List in den Sinn. Sie warteten, bis eines der Kinder, ein Junge, sich in ihr Geäst verirrte, und sie fragten ihn, warum er sich denn nicht in die Äste des Wunderbaums setze, warum nur in die Äste der anderen Bäume. Der Junge antwortete, er tue es, weil es nun mal der Wunderbaum sei. Die Erwachsenen verbieten es ihm, ihn zu besteigen, schließlich ehren ihn selbst die Vögel und der Wind. Da sprachen die Bäume zu dem Jungen, wenn er den Wunderbaum besteige, so würde er den Grund für die Schönheit des Wunderbaums erkennen, warum die Vögel ihn meiden, warum der Wind, warum keines seiner Blätter jemals den Boden berührt habe – kurz: Er würde die Quelle seines Wunders erkennen und alle, besonders die Erwachsenen, wären stolz auf ihn. Und der Junge glaubte ihnen und er wollte den Wunderbaum besteigen.
Er erklomm den Stamm und gerade als er seine Hand in das Blätterwerk führen wollte, da begann der Wunderbaum sich zu bewegen. Erst sachte, dann immer stärker wogte er hin und her, von links nach rechts, von rechts nach links, schüttelte sich, rüttelte sich, bis der Junge den Halt verlor und zu Boden stürzte. Er schrie, der Junge, er schrie wie am Spieß und das mit gutem Grund, denn er hatte sich das Rückgrat gebrochen. Und auch der Wunderbaum schrie. Als dann die Erwachsenen kamen, da schrien auch sie, beschimpften den Wunderbaum, warfen mit Steinen nach ihm und verboten den Kindern, jemals wieder zu seinen Füßen zu spielen. Sie würden ihn fällen, sagten sie, gleich morgen. Der Baum sei eine Gefahr. Und das stimmte die anderen Bäume froh und sie konnten den nächsten Tag kaum erwarten. Jeder dachte bei sich, nun werde ja gerade er der schönste Baum des Dorfes sein und die Menschen würden ihn verehren, wie sie einst den Wunderbaum verehrt hatten.
Und als sie am nächsten Morgen erwachten, da gingen ihnen – den Erwachsenen, den Bäumen, den Vögeln und dem Wind – die Augen auf. In der Nacht war der Wunderbaum gestorben, denn er hatte nicht erleben wollen, wie sie das Geheimnis seines Wunders lüfteten. Und so stand im Dorf zur Sommerzeit ein Baum ohne jedes Blätterkleid, nackt und kahl, zu seinen Füßen die toten Blätter. Und jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie alle das Geheimnis des Wunderbaums, und sie nannten ihn hässlich, denn genau das war er ja, das hatte er unter seinen Blättern versteckt: Er war ein hässlicher Baum, hässlich wie die Nacht, der hässlichste von allen! Lange dürre Äste, einst verborgen unter schönem Grün, wie im Todeskampf gekrümmt, wider jede Natur verwachsen, Geschwüre, Geschwülste griffen gehetzt durch die Luft, als wollten sie flüchten, schamvoll der eigenen Hässlichkeit, der eigenen Scham – er war hässlich, der Verwachsene, ein garstiger, ein abartiger, ein verlogener Baum, ein Krüppel! Und es schien den Erwachsenen, dass selbst der Wind nicht wagte, durch seine Äste zu streichen; ja, es schien ihnen doch tatsächlich, dass auch die Vögel es mieden, sich auf dem Verwachsenen niederzulassen, denn auch sie erkannten seine Abscheulichkeit.
Und es dauerte nicht lange, da beschlossen sie, dass solch ein hässlicher Baum nicht in ihr Dorf neben all die anderen schönen Bäume gehörte. Ja, solch ein hässlicher Baum, der gehörte gefällt. Und wie das Wunder des Verwachsenen erschienen war, so schied es. Denn als es nicht mehr war, vergaßen es die Menschen, Kinder wie Erwachsene. So als wäre es nie dagewesen.
Schreibe einen Kommentar