Von steinalten Austern und wandernden Vögeln

Über dem Festland steigt die Sonne auf. Ihr Licht zeichnet sich verschwommen auf dem von Hochnebel verhangenen Himmel ab. Vielleicht noch eine Stunde, schätzt Elke, dann wird er blau und klar sein. Das ist gut. Viele ihrer Gäste sind barfuß unterwegs. Sie sieht, wie ihnen allen der kühle Morgen zu schaffen macht. Wie Katzen im Regen setzen sie ihre nackten Zehen nur widerwillig in die Wasserlachen, die den Wattboden überziehen und in denen sich der Himmel selbstverliebt spiegelt. Deshalb geht sie nun zügig voran, um sie in Bewegung zu halten. Frierende Gäste hören schlechter zu, was ein Jammer wäre, denn Elke hat ihnen einiges zu erzählen. Ihre Einführung am Sommerdeich gestaltet sie stets nahezu gleich: Vorstellung, ein wenig Halliggeschichte, ein paar Regeln, wie man sich im Nationalpark zu verhalten hat. Dabei schaut sie sich ihre Gruppe gut an und überlegt, welchen Ton sie heute wählt. Zu dieser Jahreszeit, Anfang September, sind selten Kinder bei ihren Führungen dabei. Heute ist es nur eine junge Familie, deren Vater einen Säugling in einem Tragetuch vor der Brust trägt wie ein Känguru sein Junges im Beutel. Das Gros besteht aus Paaren und Grüppchen ab fünfundvierzig. Zwei Herren tragen teure Ferngläser um den Hals und haben mehr den Himmel denn den Wattboden im Blick. Elke identifiziert sie als Hobby-Ornithologen. Ein Mann Anfang dreißig, mutmaßlich mit seiner Mutter unterwegs, spricht immer wieder leise mit dieser, während Elke redet. Sie geht darüber hinweg, solange sie niemanden anderes stören. Zu ihrer Rechten steht eine junge Frau und notiert Stichworte in einem Notizbuch. Sie ist Journalistin, doch Elke hat vergessen, für wen oder was genau sie schreibt. Fotografinnen, Fernsehteams und Reporter gehören auf der Hallig genauso zum Alltag wie die Schafe auf dem Deich und die Besucherströme in Pferdekutschen.

Nach den ersten Schritten erklärt Elke immer, wie Ebbe und Flut funktionieren. Dafür malt sie mit ihrer Wattforke (ein Unkundiger würde sie „Mistgabel“ nennen) Planetenkonstellationen in den weichen Boden. Sie hat sich für einen nüchternen Vortragsstil entschieden. Mit dem übertriebenen Dialekt und dem kokettierenden Seemannsgarn, mit dem andere ihre Gäste für sich und die Natur gewinnen wollen, hat sie es ohnehin nicht so. Sprüche klopfen ist nicht ihre Stärke. Am liebsten sind ihr deshalb die Führungen mit vielen Kindern. Sie sehen im Watt einen riesigen Sandkasten voller kleiner und großer Wunder. Wattwurmkot wird zu Spaghettieis, schlammige Muscheln zu kostbaren Schätzen und es findet sich immer jemand, der sich traut, Queller oder Meersalat zu probieren. Erwachsenen fällt es sehr viel schwerer, in dem, was sie als Schlamm wahrnehmen, Wert und Schönheit zu erkennen. Dafür brauchen sie Witz oder Fakten. Und letzteres liegt deutlich mehr in Elkes Naturell. Also erzählt sie ihnen, dass der Sauerstoffgehalt über dem Wattenmeer messbar höher ist im Vergleich zum Festland, weil der braune Biofilm, der sich über die Wattriffel legt, aus Kieselalgen besteht – bis zu einer Million einzelliger Exemplare pro Quadratzentimeter. Sie bilden die Grundlage des Nahrungsnetzes. Dazu hält sie laminierte Fotos von Mikroskopaufnahmen in die Höhe. Die Journalistin fotografiert eifrig und der junge Mann flüstert weiter mit seiner Mutter. Der Säugling schläft. Elke schickt die Gruppe weiter, bevor ihre Füße zu kalt werden und ihre Aufmerksamkeit in die Zehen sickert. Sie gräbt derweil einen Wattwurm aus und präsentiert das dicke, borstige Tier ihren Gästen, als sie das nächste Mal halten. Weil niemand wirkt, als wolle er den Wurm auf die Hand nehmen, setzt sie ihn zurück auf den Wattboden, sodass er sich unter ihren Augen eine neue Wohnröhre graben kann. Brav hören sie alle zu, doch außer der Journalistin stellt keiner eine Frage. Elke gibt ihnen noch ein wenig Zeit. Die Führungen am Morgen kommen immer etwas schwerer in Fahrt.

Unterdessen vertreibt die Sonne den Nebeldunst und der Himmel wird tatsächlich klar. Reißverschlüsse von Windjacken werden ratschend nach unten gezogen, Hosenbeine aufgekrempelt. Die Kleidung der meisten Gäste ist grellbunt und sauber. Zu sauber, findet Elke und gibt ihren Gästen den Auftrag, möglichst viele verschiedene Muschelarten zu sammeln. Sie ist der Meinung, dass es bei einer Wattwanderung dazu gehört, das Watt auch anzufassen. Wenn ihre Gäste in Wohnungen leben, an einem Ort, wo die Sonne abends nicht im Meer oder einem Wald oder über Feldern versinkt, sondern hinter Dachziegeln, wenn sie keinen Garten haben, der sie hin und wieder dazu verleitet, Kartoffeln in staubiger Erde zu vergraben oder zumindest Löwenzahn aus Steinfugen zu pulen, wenn sie keinen Balkon haben, auf dem die Geranien einmal im Jahr neu eingetopft werden müssen, wann haben ihre Hände das letzte Mal die Erde berührt? Besitzen sie wohl eine kleine Scheuerbürste, die am Rand des Waschbeckens darauf wartet, Dreck unter Fingernägeln wegzuschrubben? Kennen ihre Waschmaschinen etwas anderes als Soßenflecken und parfümüberlagerten Schweißgeruch? Sie alle hätten in ein Spa-Retreat oder eine Hotelanlage verreisen oder in den sonnigen Süden fliegen können, aber sie sind hier. Im Wattenmeer. Aus welchen Gründen auch immer. Nun müssen sie damit leben, Elke dafür bezahlt zu haben, dass sie ihnen die Anweisung gibt, im Dreck zu wühlen. Und Elke nimmt ihren Job ernst. Sie nimmt keine Rücksicht auf cremefarbene Kleidungsstücke, Berührungsängste und andere Befindlichkeiten. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen hin und wieder zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Wer verloren in der Gegend herumsteht, wird von ihr zum nächstgelegenen Priel geschickt, wo bereits ein Trupp Frauen um die sechzig mit gebückten Rücken den Boden absucht. Die Vogelgucker greifen bereits beherzt in den Schlick, wobei sie jeweils mit einer Hand ihre Ferngläser an die Brust drücken, damit sie sie nicht versehentlich ins Watt tunken. Ein älterer Herr, der allein zu sein scheint, wäscht seine Funde schon in einer Pfütze, während andere noch verhalten Muschelschalen mit der Fußspitze antippen. Elke bringt sie alle in Bewegung, bis jeder mindestens einen Schatz beitragen kann.

Unter ihrer Anweisung sortieren sie die gefundenen Muscheln nach der Tiefe, in der sie leben. Miesmuscheln bilden Bänke und leben auf dem Boden. Die Roten Bohnen mit ihrer auffällig pinken Innenschale vergraben sich knapp unter der Wattoberfläche. Danach folgen Herz-, Trog- und Pilgermuscheln. Am tiefsten leben die Schwertmuscheln und die Sandklaffmuscheln im Schlick – bis zu dreißig Zentimeter. Für die beiden Vogelfreunde sucht sie ein Laminat aus ihrem Rucksack, auf dem Vögel mit unterschiedlich langen Schnäbeln nach den verschiedenen Muschelarten im Wattboden stochern. Zu ihrer Zufriedenheit sind sie hochinteressiert. Es wird, denkt sie.

Als sie die Runde schon auflösen will, meldet sich der ewig flüsternde junge Mann. Sie hätten noch eine weitere Art gefunden. Er nimmt der älteren Dame an seiner Seite eine handtellergroße, flache Muschelschale aus der Hand, deren schiefergrauer Kalk von Löchern zerfressen ist. Elke hält sie für alle gut sichtbar in die Höhe. Europäische Austern sind ihr die liebsten Muscheln, weil man anhand von ihnen so anschaulich erklären kann, wie wenig man auch hier im Nationalpark eigentlich von ‚unberührter Natur‘ sprechen kann. Die Europäische Auster wurde nämlich vor knapp einhundert Jahren in der Deutschen Bucht ausgerottet. Exemplare wie jenes, das Elke in den Händen hält, sind somit entweder von der schottischen Küste hierhergespült worden oder verweilen seit einem Menschenleben hier im Watt. Sie gibt die Muschel der Dame zurück mit den Worten, dass ihr Fund etwas ganz Besonderes sei. Ihre Antwort ist ein fragender Blick. Sie versteht mich nicht, begreift Elke. Da springt ihr schon der mutmaßliche Sohn flüsternd zur Seite. Elke meint, Spanisch zu hören. Das Gesicht der Frau beginnt zu leuchten und Elke erwidert ihr Lächeln, weil sie sich mit ihr freut und auch ein kleines bisschen für sich selbst.

Ein Ruf lenkt die Aufmerksamkeit der Gruppe weg von der Auster zu den beiden Hobby-Onrithologen. Sie deuten in Richtung Westen. Dort steigt etwa 250 Meter entfernt ein Vogelschwarm hektisch in die Höhe. Helles Pfeifen erfüllt die Luft, als tausende kleine Tiere eine flirrende Wolke am Himmel formen. Ohs und Ahs mischen sich unter das Vogelgeschrei, als ein schwarzer Pfeil in den Schwarm schießt und ihn in zwei Hälften teilt. Ein Wanderfalke, da sind sich die Fernglasträger schnell einig. Das Gebilde aus Vögeln windet sich fort von ihm, weicht in Formation aus. Im Bruchteil einer Sekunde verändert es seine Gestalt wieder und wieder, während es hoch über ihren Köpfen hinwegsaust. Kaum eine Minute dauert die Jagd, dann hat der Angreifer Erfolg. Unter die Faszination mischen sich einige bestürzte Stimmen. Elke schont ihre Gäste nicht. Sie sind alle erwachsen, beschließt sie, als sie einige Minuten später den geschlagenen Vogel im Watt finden. Es ist ein Knutt. Sein Hals ist aufgerissen, Blut färbt die graubraunen Federn rot. Der Wanderfalke ist schon fort. Er hat sich mit wenigen Bissen vom kräftigen Brustmuskel des Tieres begnügt. Bald werden die Möwen kommen und den Kadaver zerpflücken. Dann, mit der nächsten Flut, werden Strandkrabben die Knochen vom letzten Fleisch säubern. Seine Artgenossen werden derweil auf einer Sandbank ruhen, um bei der nächsten Ebbe wieder nach Muscheln und Würmern zu suchen. Wenn sie ihr Körpergewicht verdoppelt haben, werden sie in wenigen Wochen ihre Reise zum afrikanischen Kontinent antreten. Sie folgen der Atlantikküste und passieren die Sahara, bis sie die Mangrovenwälder Südwestafrikas erreichen. Während des Flugs verbrauchen sie so viele Energiereserven, dass sie bei ihrer Ankunft nur noch ein Drittel ihres Ursprungsgewichtes haben werden. Bis zu fünftausend Kilometer fliegen sie in drei Tagen und drei Nächten, ohne zu landen, denn das Landen und Starten kostet die Tiere die meiste Energie. Im Frühjahr reisen sie über das Wattenmeer zurück nach Island, Grönland, Spitzbergen oder in die russische Tundra, um dort zu brüten.

Als Elke ihren Vogelexkurs beendet, heben sich vorsichtig einige Hände. Sie klopft sich innerlich selbst auf die Schulter. Jetzt hat sie die Gruppe. Blicke der Abscheu und des Ekels vor dem toten Vogel verwandeln sich in Neugier. „Warum ziehen die Vögel überhaupt, wenn es so gefährlich und weit ist?“, fragt eine Frau in einer froschgrünen Jacke. „Wie viele Vögel rasten hier jedes Jahr?“, fragt ein Mann mit teurer Brille wenige Meter neben ihr. Als Elke auf dem Rückweg am Priel eine kleine Strandkrabbe hochhebt, finden sich gleich sechs Mutige, die das Tier auf die Hand nehmen. Der Vater, den Säugling immer noch vor dem Bauch, probiert sogar etwas Meersalat. Die Dame mit der Europäischen Auster deutet auf dem Rückweg aufgeregt auf einen Großen Brachvogel und redet auf Elke ein. Ihr Begleiter übersetzt ihr, dass sie diese Vögel aus ihrer Heimatstadt Thessaloniki kennt. Sie rasten dort ebenfalls jeden Herbst und jedes Frühjahr auf den Salzwiesen des nahegelegenen Nationalparks. Interessiert fragt Elke nach dem Namen des Gebiets. Griechen hatte sie noch nie bei einer Führung dabei. Sie wusste weder, dass die Sprache dem Spanischen so ähnlich klingt, noch dass es so weit im Osten des Mittelmeeres Salzwiesen gibt. Der junge Mann zeigt ihr Fotos auf seinem Handy. Elke erkennt rot leuchtende Quellerflächen, wie hier im Watt um die Hallig, nur dass hier keine Flamingos und Pelikane in den Prielen nach Nahrung suchen.

Ob man überhaupt noch Lust habe, selbst zu verreisen, wenn man im Tourismus arbeitet, wird die Journalistin Elke im Anschluss an die Führung fragen, und Elke wird an diesen Moment denken und sagen, dass sie gar nicht das Bedürfnis dazu habe. Diese Arbeit, wird sie erklären, sei nicht nur Vortrag, sondern auch Tausch: Sie gibt ihren Gästen das Watt und manchmal geben sie ihr dafür eine Geschichte zurück.

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