Auf den immergrünen Grashügeln Englands kämpft die Sonne gegen graue Wolken. „Woodhenge“ steht auf dem Schild, ein Gatter und schon stehe ich inmitten von Kreisen 50 cm hohen Steinsäulen. Es soll den größten Holzkreis der einstigen Religion repräsentieren. 10 km entfernt von Stonehenge soll hier einst das Leben gefeiert worden sein. Jetzt, an diesem grauen englischen Morgen, sehe ich wenig davon, meine Stimmung wird viel mehr runtergezogen. So bewölkt wie der Himmel ist auch mein Geist, denn ich bin viel zu früh aufgestanden, um jetzt hier zu stehen.
Ich gehe weiter.
Die Sonne, sie blitzt von Zeit zu Zeit mal durch die Wolken. Lässt den Wald zu meiner Rechten, die Wiese unter meinen Füßen, die Wärme in mir, kurz aufstrahlen. Ich verliere mich auf dem Trampelpfad. Mir kommen Menschen entgegen. Ich passe nicht ins Bild. Sie tragen altertümliche Kleidung. Älter als die Krone, älter als die Griechen, älter als die Pyramiden. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Das braucht es aber auch nicht, um die Gefühle einer Mutter zu erkennen, die ihre Tochter vorlaufen lässt. Das junge Mädchen, es rennt an mir vorbei, einen Kranz aus Gänseblümchen in ihrem verfilzten Haar. Ich drehe mich um und wo gerade noch vermooste Steine standen, sprießen unzählige, frisch gefällte Baumstämme nach oben. In ihrer Mitte Kinder, wie sie lachend herumtollen. Das Mädchen wird freudig empfangen und direkt in den Tanz eingebunden. Erwachsene, die die letzten Stämme aufrichten. Ich drehe mich um, doch die Eltern sind weg. Das Schauspiel, es ist fort. Ich bin wieder im Jetzt.
Und gehe weiter.
Spüre die Erde unter meinen Turnschuhen. Der Wind, sanft und doch stark genug, um die Äste schwanken zu lassen. Eine kühlende Brise gegen die immer selbstbewusster scheinende Sonne. Neben mir türmen sich Hügelgräber. So sagt es das Informationsschild. Sie sehen aus wie begraste Erdhügel, recht unscheinbar. 5 Meter hoch, oder vielleicht auch etwas weniger. Der Wind schickt eine Böe und meine Haare fliegen mir durchs Gesicht. Ein Blinzeln später stehe ich inmitten von trauernden Menschen. Sie knien, ich knie mich neben sie. Von links kommt eine Prozession. Frauen, wie auch Männer, von Kopf bis Fuß mit Schmuck behangen. Rituelle Medaillons, geschnitzte Tiere an Ketten, Perlen in allen Farben des Regenbogens. Hinter ihnen ein Laken, in diesem ein Verstorbener, ein Herrscher? Den Kopf zum Boden neigend fangen meine Nachbarn an zu summen. Fangen alle an zu summen. Ein Ritus. Beängstigend rollen die Stimmen von tausenden Menschen über die Hügel. Erfüllen mich mit mehr Ehrfurcht, als es Kriegshörner je einfordern könnten. Ich atme ein bisschen Staub ein, muss husten, verschwunden ist die Prozession. Übrig bleibt ihr Echo, wie es in meinen Ohren widerhallt. Der einst prachtvolle, gepflegte Weg jetzt nicht mal mehr ein erkennbarer Pfad.
Ich gehe weiter.
Ach ja, Stonehenge. Jeder kennt es, dieser Steinkreis mitten im Nirgendwo.
In dessen Nähe ist ein Stein auf dem Feld, inmitten der Gräser. Ich mache eine Pause, schaue mich um. 10 Meter vor mir die Touristen, innerhalb ihrem eingekordelten Kreises. Ich krame mir einen Apfel aus dem Rucksack. Seine Kälte und Frische lassen mich nachdenken. Dieser für die Briten alltägliche Meal Deal ist schon was schönes. Warum gibt es den bei uns nicht? Ich lege den Rucksack weg, schaue in die Weite. Dort sehe ich, was einst war. Straßen bis zum Horizont. Die Menschen, sie pilgern in Scharen. Selbst aus weit entfernten Landen, mit dem Boot angereist. Ich sitze am letzten Wegestein, aber schon mitten in der Menge. Muss aufstehen. Schaue über die Köpfe der anderen. Die Sonne neigt sich zu ihrem Untergang. Die Feierlichkeiten beginnen. Es ist der Kreis der Toten, der Kreis, der immer dauern muss. Der Kreis, der das Leben feiert, indem er die Toten ehrt. Instrumente erklingen. Klackende Schalen, Hörner, etwas, das an eine Gitarre erinnert. Ich bin fasziniert von dem Schauspiel. Will mich unter die Menge mischen. Will die Euphorie miterleben. Will verstehen, wie der Tod hier zelebriert wird. Einen Schritt nach vorne und mein Knöchel kitzelt. Ich werde von einem Gänseblümchen aus der Trance gerissen. Ich beuge mich runter, streife es mit meiner Hand. Die Urenkelin des Gänseblümchens, das damals das kleine Mädchen in den Haaren hatte. Der Familie, die ihre Toten betrauerte und dann zu der Feier der Lebenden ging. Ich nehme es und stecke es hinter mein Ohr. Die Sonne, sie strahlt selbstbewusst über den grünen Hügeln Englands.
Ich gehe weiter.
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