
Das Droste Festival 2026 stand unter dem Motto An die Schriftstellerinnen und fokussierte das weibliche Schreiben der Gegenwart. Da darf natürlich Barbi Marković nicht fehlen, die derzeit Hauskünstlerin am Center for Literature ist. Aber Marković kam nicht alleine, sondern hatte eine Maus namens Mini im Gepäck, die eine historische Verbindung zum Rüschhaus und Annette von Droste-Hülshoff hat. Warum das niemand weiß? Mini ist nicht von hier, nicht adelig und dazu noch eine Frau. Diese Kombination von Eigenschaften führt unweigerlich zum Verschwinden aus den Geschichtsbüchern.
“Mini und Miki sind nicht von hier, aber sie bemühen sich, dazuzugehören und alles richtig zu machen. Trotzdem werden sie verfolgt von Monstern, von Katastrophen und Schwierigkeiten”1
Passend zum Buch Minihorror von Barbi Marković gab es beim Droste Festival 2026 eine Führung durch das Rüschhaus, geleitet durch Barbi Marković selbst. Wie im oben genannten Zitat wird Mini stets von Monstern, Katastrophen und Schwierigkeiten verfolgt. Das ist auch im Rüschhaus so. Marković verschlingt uns in ihrer Führung in eine Zeitreise mit einem kleinen Twist: Mini und (An)Nette sind zusammen im Rüschhaus und arbeiten gemeinsam an ihrer Literatur.
In jedem Raum sind kleine Monster und Verweise auf Mini zu finden, die sich hier vor langer Zeit mit Nette zusammengefunden, geschrieben und gefeiert hat. Marković erzählt die Beziehung als eine (Horror-)Geschichte, die durch das ganze Rüschhaus geht. Ob es ein zweiter Schreibtisch, eine kleine Fliese mit einem Mausehaus oder auch einfach ein riesiger Aschenbecher sind – Marković findet überall Spuren von Mini. Sogar in der Körpergröße von Nette, die mit 1,49 Metern ebenfalls ziemlich mausig war.


Wir laufen also durch das Haus und Marković verbindet die einzelnen Aspekte, die man im Haus finden kann, mit Mini. Die Feiern, die im Italienzimmer stattgefunden haben zeugen von einer wilden Dichterinnenfreundschaft, die unzertrennlich scheint. Zumindest solange, bis es zur sagenumwobenen Lyrikkatastrophe zwischen den beiden kommt. Als Dichterinnen haben die beiden viel gemeinsam und doch wieder nicht, denn Mini will vom Schreiben leben können, kann aber nicht reimen. Für beides hat Nette kein Verständnis und Nette schreibt An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich, Mini bezieht es auf sich – die Freundschaft zerbricht.

Beendet wird die Führung mit der Abreise von Mini. Ihr ist das Münsterland doch zu regnerisch – “Schon wieder Regen, ich könnt’ kotzen”. Verständlich bei Mini, sie kommt ja auch aus Texas. Wir waren auf jeden Fall begeistert. Marković hatte viel Witz, Ironie und auch Imagination mitgebracht, sodass Literatur mit Erinnerung verschmolzen und eine ganz neue Ebene des Erlebens eröffnet wurde. Nette bleibt nun auch vielleicht ein bisschen mehr als Baddy in Erinnerung, als zunächst gedacht.
Das Feiern von unberechenbaren Freundinnenschaften wurde am Abend fortgesetzt, als Barbi Marković aus ihrem Roman Superheldinnen las. Eigentlich war Superheldinnen schon 2016 erschienen und sollte schon längst im Rüschhaus gelesen worden sein, doch leider kam eine Pandemie dazwischen. Doch ins diesjährige Motto fügte sich der Roman erstaunlich gut ein und es war umso witziger dabei zuzusehen, wie Marković live ihren eigenen Text wiederentdeckte. Ein Teil des Plots war ihr nicht mehr auf anhieb präsent und so rekapitulierte sie das absurd tragische Schicksal einer Figur, während sie sich beömmelte: “ja, das war schlimm.”
Sowohl im Minihorror-Rundgang als auch in der Superheldinnen-Lesung waren Freundinnenschaften ein zentrales Thema. Und die sind nicht disneyhaft harmonisch und mit Airbrush-Filter, sondern wild, unberechenbar und auch konfliktbeladen. Barbi Marković zelebriert weibliche Solidarität und appelliert an Gemeinschaft und Zusammenhalt, ohne dabei in die Nähe von Kitsch zu geraten. Das gelingt, weil ihre Figuren Außenseiterinnen sind, kämpfen, Migrationshintergrund haben und weil Marković jede Menge Humor hat. Gemeinsam strugglen und lachen, auch wenn das Glas halb leer ist, und die mausigste Zeit haben, die der Spätkapitalismus hergibt.
- Marković, Barbi: Mini Horror. 2023. Backcover. ↩︎
Ein Beitrag von Anastasia Ort und Tomke Tanita Kaczorek.
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