Das Soundsystem im Mietwagen klang besser als erwartet. Die Verbindung mit Spotify über USB klappte auch. Ich hätte also eigentlich kein halbes Kilogramm Bluetoothbox in meinen insgesamt zehn Kilogramm Gepäck unterbringen müssen, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht und haben ist besser als brauchen. Ein Roadtrip funktioniert schließlich nur mit dem passenden Soundtrack und der schepperte nun aus den Boxen des Opel Corsa, während wir Bukarest verließen:
Transilvanian hunger, cold soul
Your hands are cruel… to haunt, to haunt
Wir nahmen Kurs gen Norden, denn wir hatten eine Mission: Wir waren auf Vampirjagd. Wie wir alle wissen, leben Vampire in Transsilvanien. Was wir nicht alle wissen: Transsilvanien heißt auf Deutsch auch Siebenbürgen und liegt in den südöstlichen Karpaten im Herzen von Rumänien. Und da trifft man Vampire doch am besten: mitten im Herz. Auf ging‘s also Richtung Brașov, eine der größten Städte Transsilvaniens, wofür wir uns in bergige Regionen hineinschlängelten und wobei Darkthrone uns aus den Lautsprechern warnten:

The mountains are cold, soul cold
Bisher waren die mountains gar nicht mal so cold, das Thermometer bewegte sich auf 40 Grad zu. Aber gut, Darkthrone kamen eben nicht aus Rumänien, sondern Norwegen, da ist es vermutlich meistens ziemlich kalt. Da uns trotz Klimaanlage in den mountains also eher hot war, entschieden wir uns für einen Abstecher zu einem Stausee in den Bergen. Das Bergpanorama war beeindruckend, das Wasser wohltemperiert und am Strand sonnten sich nur wenige Einheimische. Es hätte perfekt sein können, aber zum einen lag hier ziemlich viel Müll rum und zum anderen half unser Insektenspray nicht besonders gut gegen die Mücken – was daran liegen könnte, dass wir vergessen hatten, es aufzutragen.
Jedenfalls erinnerten mich die Stiche daran, dass wir unserem Ziel schon ein Stück nähergekommen waren. Irgendwo hatte ich nämlich mal gehört, dass die Legende um die vampirischen Blutsauger eigentlich ihren Ursprung in kleinen blutsaugenden Mücken habe. Ein Donnergrollen riss mich aus meinen Gedanken an den Mythos und wir liefen schnell zurück zum Corsa. Eiswürfelgroße Hagelkörner prasselten auf das Dach wie Blastbeats, es blitzte und plötzlich waren die mountains doch cold.
To be draped by the shadow of your morbid palace

Auf überfluteten Straßen erreichten wir schließlich Brașov, von wo aus wir am nächsten Tag unsere wahre Expedition nach Bran starteten: genauer Schloss Bran, das als Schloss von Dracula gehandelt wird. Das Marketing zieht auf jeden Fall, denn dieser morbid palace ist wohl die überlaufenste Touristenattraktion im gesamten Land. Obwohl wir unser Ticket schon online gebucht hatten, standen wir fast eine Stunde in der Schlange, um die unheiligen Hallen endlich betreten zu dürfen. Ich fragte mich, ob uns ein typisches Museum erwartet, mit Plaketten und Fakten, oder ob das Schloss seinem Marketing gerecht würde und man eine Art Vampir-Disneyland errichtet hatte. Zunächst sah es nach sehr viel klassischem Museum aus. Infotafeln, Wappen, Stammbäume – und sehr viel Desillusionierung.
Das Schloss Bran, das Bram Stoker angeblich als Vorlage für sein Draculaschloss gedient haben soll, ähnelt diesem nur ganz entfernt und befindet sich vermutlich auch nicht nah genug an der im Roman beschriebenen Stelle. Aber Stoker hat ja Dracula nicht einfach so erfunden, sondern den Mythos um Vlad III. aufgegriffen, besser bekannt als Vlad Ţepeş oder Vlad der Pfähler – zumindest der wird dann wohl irgendetwas mit dem Schloss zu tun haben? Leider nein, Vlad der Pfähler hat Schloss Bran vermutlich nie betreten.
Über diese enttäuschenden Enthüllungen im Museumspart des ansonsten sehr hübschen Schlosses trösteten mich nicht einmal die low-budget Spukhaus-Installationen im hinteren Bereich der Burg vollständig hinweg. Das Foto mit der lebensgroßen Figur von Vlad war trotzdem mein bisher größtes Erfolgserlebnis auf der Mission, einen Vampir zu treffen. In dem Dorf aus Souvenirläden, das sich um die Burg gebildet hat, kaufte ich mir noch ein rotes Zippo mit Vlad Ţepeş drauf um diese Expedition gebührend zu erinnern. Umso passender, dass es sich natürlich um ein Knock-off handelte.

Hail to the true, intense vampires
Ich wollte einen letzten Versuch unternehmen, die true, intense vampires zu finden, die Darkthrone versprochen haben. Dafür hatte ich bereits im Vorfeld recherchiert und bin im musikalischen Underground von Brașov fündig geworden: Am Abend fand ein Konzert von Vampyria Caedis Mortis statt. Einer lokalen Band, von der wirklich noch niemand gehört hat, die Black Metal spielt und deren Name „vampirisches Schlachten des Todes“ versprach. Aufgeregt wurde sich also in besonders feinen Bandmerch-Zwirn geworfen, damit man in der fremden Szene unmittelbar den eigenen erlesenen Musikgeschmack und das damit einhergehende elitäre Ballwissen nach außen tragen konnte. Die Codes sind Schwärze, Bandlogos und Patches – die Codes funktionieren in jeder Sprache. Wir sollten also direkt als zugehörig durchgehen. Ich rechnete mit den üblichen Szenegestalten, die man in Metalkneipen auf der ganzen Welt antreffen kann, und die meistens gediegene, weiße Heteromänner um die 50 sind, nur in verschiedenen Fonts.
Nicht in Brașov. Hier lebt die Subkultur noch in ihren Ursprüngen als Jugendkultur weiter und auf den ersten Blick schien fraglich, ob die Konzertebesucher*innen überhaupt schon legal in der Kneipe trinken durften. Ich fand es gleichermaßen überraschend und schön zu sehen, dass die alternde Szene noch so viel jungen Nachwuchs bekommt und bestaunte die Kids und ihre Aufmachungen. Diese stimmten mich ganz nostalgisch, da ich mich auch noch an Zeiten erinnere, in denen man kein durchgestyltes Outfit von Killstar oder EMP zur Hand hatte, sondern eben einfach die dunkelsten Sachen im Schrank trug, um auszugehen. Manchmal war das eine sehr dunkelblaue Jeans, von der man hoffte, dass sie im Dämmerlicht als schwarz durchgeht, oder ein Shirt, das zwar überhaupt keinen coolen Print hatte, aber immerhin schwarz war. Dazu sah man in der Kneipe wilde Haare, ungelenken Eyeliner und den ein oder anderen Patronengurt. Dieses rohe DIY-Feeling hatte ich in Zeiten von TikTok eigentlich für verloren geglaubt, weshalb sich das Konzert schon vor seinem Beginn wie eine Zeitreise anfühlte.
Beautiful evil self to be the morbid count

Die Kids waren bester Laune und schon vor dem Konzert mussten auf dem Mädchenklo kurz mal die schwarz gefärbten Haare gehalten werden. Als Vampyria Caedis Mortis dann die Bühne im kleinen Keller des Pubs betraten, wurde das Gefühl der Zeitreise präziser: Wir befanden uns in Norwegen in den frühen 1990er Jahren. Auf der Bühne standen (immerhin erwachsene) Personen in schwarzen Kutten mit Corpsepaint, die die winzige Bühne mit ein paar Schädeln und Kelchen mit Wein oder Kunstblut ausgestattet hatten. Ich war begeistert – das könnte meine wahre Vampir-Begegnung werden. Vielleicht handelte es sich bei all diesen jungen Leuten ja bereits um Vampire, die im Schutz der Nacht zusammentrafen, um den kreischenden Klängen des lokalen Black Metals zu lauschen? Meine These wurde bestätigt, denn bei einer der sehr langen, pathosgeladenen Ansagen zwischen den Songs, hörte ich vertraute englische Vokabeln heraus: „…baptized in blood!“. Und nein, hier wurde nicht einfach nur der nächste Songtitel verkündet, sondern ein Ritual eingeleitet. Begleitet von ominösen Sounds der Schwarzmagierin an den Synthesizern, griff der Sänger, der morbid count, zu einem der Kelche mit Kunstblut und schritt ins Publikum. Dort griff er tief in den Kelch und strich einem jungen Mann in der ersten Reihe eine Handvoll Blut auf die Stirn. Der junge Initiand sah mit seinem blutverschmierten, erhobenen Haupt und seinen strahlenden Augen sehr stolz aus. Ich beschloss, dass das hier der wahre Vampirismus Transilvaniens sein musste.
A part of a pact that is delightfully immortal

Und ehe ich es mir versah, war ich auch „a part of a pact that is delightfully immortal“, denn plötzlich stand der morbid count auch vor mir und taufte mich mit seinem Kunstblut. Meine Freude darüber, in den Vampirkult aufgenommen worden zu sein, verflog erst später am Abend. Beim Waschen meines Gesichts stellte ich nämlich fest, dass das hier kein Kunstblut war, sondern sehr echt. Aber im Schweißgeruch des Moshpits war mir das noch nicht klar und ich gab mich ganz euphorisch der außergewöhnlichen Konzerterfahrung hin. Nach Vampyria Caedis Mortis spielte auch noch die blackened Speed-Band Goatrocity zum Tanz auf und vom ersten schrebbeligen Takt an gab es kein Halten bei den jungen Vampiren. Trotz langjähriger Konzerterfahrung sah ich einige Dinge an diesem Abend zum ersten Mal. Absolutes Highlight: Zwei junge Männer hielten sich an den Händen und drehten sich möglichst schnell umeinander, während ihnen ein dritter mit einer leeren Plastikflasche abwechselnd auf die Köpfe schlug. Währenddessen wurde es auch auf der Bühne immer abstruser und der zuvor gelobte Geist von DIY und Rohheit auf die Spitze getrieben. Während der Drummer von Goatrocity vom Publikum durch den Raum getragen wurde, nahm der Sänger seinen Platz ein und das Mikro schnappten sich kurzerhand ein paar der jungen Vampire aus dem Publikum.
Kurz: Es wurde gefeiert, als wäre man unsterblich, und vielleicht war man das auch. Jede Nacht seit 1990 erhebt man sich aus dem Sarg für den Black Metal und doch verschwendet niemand seine Ewigkeit daran, sein Instrument zu lernen. Macht aber nichts. Hauptsache, die Stimmung ist gut und die Jungvampire haben einander. Eine ewige Jugend in einem Land, in dem die Zukunft ungewiss ist.
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