Postkarte aus Georgien

Das Flugzeug landet um 2 Uhr nachts in Kutaisi – alle klatschen. Nur ganz kurz, aber sehr beherzt. Ich bin davon so überrascht, dass ich es gar nicht rechtzeitig schaffe, mit einzustimmen. Warum macht man das nicht auf allen Flügen? Ist doch eigentlich sehr süß! Hier scheint es eben ein Ding zu sein. Hier – das heißt in Georgien. Weil es dorthin nur komische Abflugzeiten aus Deutschland gibt, machen wir uns nun mitten in der Nacht auf in die Innenstadt von Kutaisi und ins Hotel. Im Flugzeug haben wir zwei ehemalige Aupairs getroffen, die sich bestens in Georgien auskennen und die uns eine Menge Tipps gegeben haben. Ob wir am Ende der Reise auch so ins Schwärmen geraten werden? Wir sind gespannt.

Am nächsten Morgen geht es etwas verklatscht los zur Stadterkundung. Auf einem Berg eine alte Kathedrale, in den Straßen viele kleine Stände und überall Autos, die wohl sehr hart im Nehmen sein müssen und bei denen kein einziges originales Teil mehr verbaut ist – die Kennzeichen teilweise mit Kabelbindern befestigt. Hier gilt beim Fahren das Recht des Stärkeren oder zumindest das der lautesten Hupe. Dauernd passiert etwas um uns herum, es ist trubelig und warm.

Wir wollen das Kloster Motsameta anschauen, das in der Nähe von Kutaisi auf einem Berg thront und in etwa zwei Stunden zu Fuß erreichbar ist. Während wir unterwegs sind, wird schnell klar, dass der Wanderweg im Grünen, den wir auf Google Maps rausgesucht haben, eine Schnellstraße ist. Also wandern wir zwei Stunden bei 30 Grad an den Autos vorbei oder vielmehr sie an uns. Zwischendurch werden wir von zwei der zahllosen Straßenhunde hier adoptiert und sie weisen uns den Weg. Ab und zu überholen uns auch einige Touri-Shuttles zum Kloster – aber wir ziehen durch. Und es lohnt sich! Es ist ein ruhiger und beruhigender Ort. Drum herum nichts als Wälder und ein Fluss. Es gibt einen Brunnen mit Trinkbechern zum Wasserschöpfen und es weht ein stetiger, angenehmer Wind. Obwohl dort einige Touris und später auch eine Hochzeitsgesellschaft auftauchen, behalten das kleine, uralte Gebäude und der Hof ihre angenehme Stille. Der Rückweg mit dem Taxi dauert nur 13 Minuten… auch nett.

© Josephine Schulte

Wir verlassen Kutaisi nach zwei Tagen und fahren mit dem Zug in die Hauptstadt und das Herz Georgiens: Tbilisi. Ein wirklich einzigartiges Erlebnis für uns, denn der Zug ist 5 Minuten zu früh am Ziel! Die Strecke führt durch grüne, bergige Landschaft, überall durchzogen von Flüssen und kleinen Kirchen. In Tbilisi angekommen, lernen wir schnell, dass die Autosituation hier noch gesteigert werden kann. Teilweise gibt es keine Straßenmarkierungen und es fahren einfach so viele Autos nebeneinander, wie auf die Straße passen. Anschnallen ist hier keine Pflicht, deshalb lassen die meisten den Gurt weg. Mir wurde trotzdem verziehen, wenn ich sicherheitshalber den Alman habe raushängen lassen und mich direkt nach dem Hinsetzen angeschnallt habe. Ansonsten muss man beim Autofahren in Georgien seinen Fahrer:innen einfach vertrauen – es fühlt sich nicht gut an, aber es funktioniert nur, wenn man sich dem Stil anpasst.

Der große Fluss Kura teilt Tbilisi in die Altstadt und neuere Wohnviertel ein, die unter anderem durch die gläserne Friedensbrücke verbunden werden. Im gedrängten Nebeneinander der Altstadt stehen alte Wohnhäuser mit verzierten, überdachten Holzbalkonen im direkten Kontrast zu den Luxusgeschäften im Stadtkern. Dieser Mix aus wohlhabenden Touri-Straßen und baufälligen Behausungen zieht sich durch die ganze Stadt. Dazwischen winden sich Gässchen mit Bars und Restaurants und die ein oder andere dubiose ‚Abkürzung‘ führt quer über Baustellen oder durch Hinterhöfe. Es ist immer was los, Live-Musik erklingt aus verschiedensten Ecken und auch hier begegnen uns alle paar Meter freundliche Straßenhunde. Langweilig wird es nie! Mehrere Seilbahnen spannen sich über die Stadt und tragen die Menschen auf die Berge direkt bei Tbilisi, von wo aus die große Statue der Mother of Georgia mit Schwert und Weinschale über all das wacht. Wir lassen uns über den Antikmarkt treiben und schaffen es, zumindest ein paar der zahllosen Kirchen und Kathedralen der Stadt abzuhaken.

© Josephine Schulte

In Tbilisi startet auch die wichtigste Mission des Urlaubs, nämlich die kulinarische. Wir probieren unser erstes Khachapuri, eine der georgischen Spezialitäten schlechthin. In einem offenen Steinofenbrot treffen heißer Käse, Butter und Ei aufeinander. Das Brot in Form eines flachen Schiffchens wird mit georgischem Käse gefüllt, darauf kommt ein Stück weiche Butter und ein rohes Ei. Wie beim Fondue wird alles mit der Gabel durchgerührt, bis sich die käsige Masse vermischt hat. Zum Schluss werden Enden des Brotes abgerissen und in die Mitte getunkt. Eine wahnsinnig tolle Sache! Und es schmeckt nicht nur gut, sondern liefert auch gleich eine schöne Geschichte dazu: Diese Form von Khachapuri, für das es mehrere Zubereitungen gibt, stammt aus der am Meer gelegenen Region Adjarien. Seine Form soll die Boote der Fischer repräsentieren, die dort früher raus aufs Meer fuhren. Die Käsefüllung stellt das Meer dar, das Eigelb die sengende Sonne am Horizont. Gute Geschichte, gutes Gericht!

© Josephine Schulte

Speisen werden in Georgien grundsätzlich zum Teilen serviert, sowohl zuhause als auch im Restaurant. Eine sehr praktische Konvention, wenn man sowieso viel davon ausprobieren will und sich nicht entscheiden kann. Khinkali, quasi die georgischen Dumplings, sind auch so ein Fall, bei dem man sich zusammen durch die verschiedenen Füllungen futtern kann. Besonders verliebt habe ich mich allerdings in eine Vorspeise, die hier in jedem Restaurant auf der Speisekarte steht: Badridschani (oder wie ich es auf dem Menu entdeckt habe: eggplant with walnut). Diese absolut irreführende Beschreibung führt zu gegrillten und gerollten Auberginenscheiben, die mit einer pesto-artigen Creme aus Walnüssen, Knoblauch und Koriander gefüllt sind. Darüber noch ein paar Granatapfelkerne gestreut und wir haben mein neues Laster. Gut, dass es sie hier wirklich überall gibt und sie auch sehr leicht nachzukochen sind!

© Josephine Schulte

Mein liebstes Souvenir aus Tbilisi ist diese Beilage. Nicht nur war sie ein fantastisches kulinarisches Erlebnis, sondern sie hat mich zu einem Koriander-Fan gemacht (oder vielleicht sogar geheilt?). Wenn es eine Sache gibt, die sich durch die georgische Küche zieht, dann ist es Koriander! In Saucen, Aufstrichen oder als Deko darf er nicht fehlen. Dies als Worte der Vorwarnung an alle, die auf Koriander leider nicht so gut zu schmecken sind.

Außerdem ist Georgien bekannt als Wiege des Weins. In der Region Kacheti, östlich von Tbilisi, wurden die weltweit ältesten Spuren von Winzerei entdeckt. Keine Frage also, dass auch in Tbilisi immer ein Glas Wein dazu gehört! Allerdings wird niemand zum Alkoholkonsum genötigt. Als Alternative bieten sich zahlreiche spannende Limos an, die wir so noch nie gesehen haben. Schoko, Vanille-Sahne und Estragon sind wohl die spannendsten Sorten, die uns begegnen.

Genug aber von den Essenseskapaden, schließlich hat Georgien noch mehr als das zu bieten. Tanz beispielsweise, ein hochheiliges Kulturgut, das je nach Region mit unterschiedlicher Tracht verknüpft ist. Mit ihren großen Bewegungen, Sprüngen und scheinbar schwebenden trippelnden Füßen erzählen diese Tänze Geschichten und bringen verschiedene Aspekte aus Kultur und Tradition in Schwingung. Bei einem großen georgischen Abendessen, einer Supra, dürfen die Auftritte von Tanzgruppen nicht fehlen! Auch auf Hochzeiten werden diese Tänze gezeigt und das Brautpaar tanzt in traditionellen Roben mit. Für dieses Spektakel spielt die Musik natürlich eine entscheidende Rolle. Wenn der Raum erklingt, werden alle sofort mitgerissen und die Tänzer:innen vom Klatschen der Gäste rhythmisch begleitet.

Voll mit Wein, genug Koriander für die nächsten drei Monate und guten Erinnerungen an liebe Menschen und putzige Hunde verlassen wir Georgien wieder über den Flughafen in Kutaisi. Bei der Landung in Dortmund klatschen schon sehr viel weniger Leute. Schade eigentlich. Vielleicht sind sie alle nicht so glücklich darüber, dass die Reise nach Georgien schon vorbei ist. Für mich jedenfalls steht ein Wiedersehen fest! Auf bald, Sakartvelo!

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