I’m getting nervous, watching the big clock
How did we get there?
We let it happen
– Chloe Slater, Mother Nature’s Killing Spree

Füreinander setzen wir uns in Bewegung, überbrücken Distanz. Meistens sind es über 500 Kilometer, die zwischen Münster und einem Ort in Frankreich liegen: Da zieht es zwei von uns vieren häufig für Praktika, Erasmus, Lebensentscheidungen hin. Vielleicht sind wir aber auch alle etwas frankophil. Wir kennen uns seit Tag 1 des Bachelorstudiums. Es wurde zusammen gelacht, geweint und getanzt. Und nebenbei sind wir eine feste Reisegruppe geworden. Gemeinsames Camping, Auszeit im Grünen, Festivals, Städtetrips. Hierbei bleibt eins häufig gleich: der Treffpunkt in Frankreich. Ein Ritual, das wir fortsetzen, woran wir festhalten. Wenn ich von Urlaub spreche, meine ich den Besuch bei meinen Freundinnen. Denn sie sind das, wofür Urlaub für mich steht: Auszeit, Entspannen, Schlendern und Batterie aufladen. Dafür nehme ich auch 14 Stunden FlixBus-Fahrt in Kauf. Eine im Bunde hat sich vor sechs Monaten dazu entschieden, nach Frankreich zu ziehen. Die Zeit der Casual Hangouts in Münster ist vorbei – die werden ab jetzt in Frankreich fortgesetzt.
FlixBus-Odyssee
Montpellier ist unser diesjähriges Ziel, Münster der Startpunkt. 19.30 Uhr. Auf unserer Reise nehmen wir zuerst den Zug, danach den FlixBus, aber nicht den Flieger, obwohl es verlockend günstig ist. 14 Stunden FlixBus-Fahrt klingt gar nicht so schlimm, denke ich. Unsere Anreise ist maßgeblich vom RE7 abhängig. Nur zwei Stunden Fahrt, was kann da schon schiefgehen? Die altbekannte Regionalbahn-Durchsage ertönt: Nächster Halt: Hagen. Sie haben Anschlussmöglichkeiten an…
Wir bleiben zu lange stehen. Warum fahren wir nicht weiter? Wir haben zwar einen Puffer, aber der FlixBus am Kölner Flughafen wartet nicht. Keine Durchsage, Unklarheit, wir stehen – schon viel zu lange. Die ersten zwanzig Minuten sind um, nichts passiert. Die Menschen im Zug werden unruhiger (ich eingeschlossen). Kinder quengeln, Flüche machen die Runde, viele der anderen Reisenden telefonieren: „Ja, ich weiß auch nicht so recht… Kann ich heute Nacht vielleicht bei euch unterkommen?“ Warten, so langes Warten. Wird der RE7 unser Treffen verhindern oder nur hinauszögern? Wie verbringt man diese Zeit eigentlich am besten? Ungewisse Zeit, meine ich. Nach fast zwei Stunden setzt sich der Zug in Bewegung. Unser Puffer ist hin. Bepackt mit Koffer, Rucksack und Tasche sprinten wir los. Adrenalin schießt durch meinen Körper, treibt mich an. Eine Hupe ertönt und der große neongrüne Koloss biegt um die Ecke. BARCELONA steht in Großbuchstaben auf der Anzeigetafel. Davor hält er in Montpellier.

Wir lassen uns auf unsere Plätze und unsere Augenlider zufallen, obwohl ich in Bussen eigentlich nicht schlafen kann. Stündlich, wenn pausiert wird oder neue Fahrgäste einsteigen und das Licht im Gang aufleuchtet, wache ich kurz auf. Ich habe Schwierigkeiten, klare Gedanken zu fassen. Sie verschwimmen im Halbschlummer. Ich bemerke gar nicht, wie wir Ländergrenzen und Mautstationen überqueren. Jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht die Landschaft draußen anders aus.
Ich friere. Die Klimaanlage verursacht eine (schier endlose) 14-stündige Eiszeit im Bus. Um die Kälte abzuwehren, trage ich zwei Jacken, eine lange Hose und ziehe meine Socken höher und höher. Mein größter Anhaltspunkt ist die Digitaluhr ganz vorne über dem Busfahrer: 0.20 Uhr Bonn, 1.10 Uhr Mendig, 6.31 Uhr Dijon, 9.51 Uhr Lyon, 13.51 Uhr Montpellier. Die Vorfreude darauf, endlich auszusteigen, zwar wärmere und qualitativ schlechtere Luft in Montpellier zu atmen, aber immerhin unsere Freundin in die Arme zu schließen, steigt.
Ankunft, Umarmungen und lautes Lachen – man hört uns schon von Weitem, aber das ist uns egal. Wärme durchströmt unsere Körper und vervielfältigt sich, innere und äußere Hitze verschwimmen. Wir haben unseren persönlichen Mamma-Mia-Moment – nur ohne einstudierte Choreografie.
Kurz vor zwölf
Im Urlaub stellen wir keinen Wecker. Ich werde trotzdem geweckt. Gestern Abend liefen wir von Bar zu Bar, wechselten, sorglos die lauwarme Nacht genießend und französisches Bier trinkend, zwischen neuen Kartenspielen und Tanzschritten. Wenn ich abends zuvor Alkohol getrunken habe, lässt mich mein Körper meistens nicht länger als 8.30 Uhr schlafen. Es ist einfach schlichtweg nicht möglich. Daran liegt mein verfrühtes Erwachen dieses Mal allerdings nur bedingt.

Vielmehr ist es der beißende Geruch, der meine Nase hinauf kriecht. Stickige Luft umgibt mich, schwitzend stehe ich auf, haste zum Fenster. Draußen scheint alles in Ordnung zu sein. Kommt der Geruch aus der Wohnung? Ich sehe keinen Rauch, kein Anzeichen für Feuer, keinen Brand. Der Geruch müsste doch ein Indiz dafür sein. In der Ferne höre ich die Sirenen eines Krankenwagens. Ängstlich öffne ich die Karte der Waldbrände… Täglich kommen neue hinzu. Auch Montpellier ist umgeben von Flammen. Feuer löst schon immer Unbehagen in mir aus – selbst ein entzündetes Streichholz oder die bedrohlich lodernde Flamme eines Teelichts. Doch der Geruch stammt nicht nur aus der Umgebung: Wir riechen hier auch das Feuer aus Bordeaux. Wir sind 486 Kilometer entfernt… Hier hat man sich schon an die schlechte Luftqualität und die Waldbrände gewöhnt. Das ist zur Normalität geworden, meint meine Freundin.

Benommen vom kurzen Schlaf und Alkohol, aber auch von der nüchternen Reaktion, stehe ich am Fenster. Meine Gedanken kreisen, bis sie mir allmählich zu groß werden, mir Angst machen. Existenzielle Angst kommt auf, die ich sonst versuche zu verdrängen… Eiszeit in mir. Draußen die Hitze. Lebensräume sterben. Ich sitze wieder im Zug, ungewisse Zeit umgibt mich. Wie und wann geht es weiter? Wie sind wir hier gelandet? Mir läuft ein Schauer über den Rücken, Gänsehaut am ganzen Körper. Diese Zeit des Abwartens, dieses Gefühl der Machtlosigkeit übermannt mich, zwingt mich in die Knie. Was mache ich mit dieser Ungewissheit? Ich muss mich setzen. Wie kann ich es mir erlauben, mich auszuruhen, Urlaub zu machen, wenn ich weiß, dass draußen – wortwörtlich – die Welt brennt? Wie gehe ich mit den ungewissen, dystopischen Zeiten um, die gerade geschrieben werden? Was kann ich dagegen tun, frage ich mich… Wir sind FlixBus gefahren, nicht geflogen. Wir trennen den Müll. Wir essen kein Fleisch… Wir… Machen wir überhaupt einen Unterschied, wenn große Konzerne und Regierungen gerade menschliches Aussterben egoistisch vorantreiben? Herzklopfen, Atemlosigkeit, Leere. Da ist so viel Wut in mir. Ich möchte schreien.
Draußen höre ich ein sorgloses Lachen. Ich springe auf. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern, bepackt mit Sonnenschirm und Badesachen, läuft vorbei. Heute wollen wir auch an den Strand. Ich schaue auf die große Uhr. Es ist kurz vor zwölf.
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