Lost in your 20s – vom Verlorensein in seinen 20ern und dem Wunsch nach mehr Selbstakzeptanz

Mit 22 die Verlobung, mit 24 die Hochzeit und mit 25 Jahren zieht man dann in sein Traumhaus, das man sich damals schon bei Sims gebaut hat. Ich dagegen sitze immer noch vor dem PC und stelle mir nur vor, wie mein Leben aussehen könnte.

Auf Instagram tauchen in meinem Feed fast im Minutentakt glückliche Paare auf, die natürlich schon seit ihrer Jugend zusammen sind, erfolgreich in ihrem Job und natürlich auch eine ganz toll ausgeglichene Work-Life-Balance haben. Besonders bei Content Creator*innen ist die Hochzeit im Ausland mit dem sündhaft teuren Kleid oft nur der Anfang eines perfekt durchgeplanten Lebens. Es scheint, als wüssten alle ganz genau, was zu tun wäre. Die einen haben gerade ihren Job gekündigt, während die anderen gerade befördert wurden. Natürlich bilden die sozialen Medien immer nur einen Bruchteil davon ab, was im Leben dieser Personen wirklich vor sich geht, aber auch wenn ich mich in meinem wirklichen Leben mal umschaue, scheint es manchmal so, als wären alle anderen schon 17 Schritte weiter als ich. Versteht mich nicht falsch, es ist total in Ordnung, wenn ihr schon immer wusstet, wie euer Leben mal aussehen soll und sich eure Träume nach und nach erfüllen – ich persönlich verspüre da aber oft einen Druck, dass mein Leben genauso aussehen müsste. Während ich auch heute lediglich an Häuser bauen bei Sims denke.

© Sinja Konduschek.

Die 20er sind eine Zeit, in der man einerseits zwar noch jung ist, aber auf der anderen Seite irgendwie doch nicht mehr so jung, dass es okay wäre, so gar keinen Plan zu haben. Eine ziemlich große Kluft, die uns da aufgemacht wird. Und wo genau bleibt das Dazwischen? –  ich meine sowas wie: ich wusste nicht von Anfang an, welchen Job ich später machen möchte, habe noch einmal meinen Studiengang gewechselt und esse immer die gleichen fünf Gerichte, weil zwischen Uni, Nebenjob und einem halbwegs intakten Sozialleben eben nicht mehr so viel Zeit bleibt, sich auf Pinterest und Tik Tok Inspirationen zu holen, welche ausgefallenen Kombinationen man mal ausprobieren sollte. Von fünfmal die Woche Gym will ich gar nicht erst anfangen. Höher, schneller, weiter. Manchmal fühlt es sich an, als müsste man mit Anfang 20 sein Leben so dermaßen im Griff haben, dass ich mich frage, was genau ich denn dann eigentlich noch so den Rest meines Lebens lernen soll? Und wird das sonst nicht auch schnell langweilig?

Gleichzeitig wird uns aber auch immer wieder gesagt, dass es okay wäre, sich in seinen 20ern auszuprobieren. Zieh’ in eine andere Stadt, beginn’ ein neues Studium, kündige deinen Job und fang’ von vorne an! Aber wer genau finanziert mir das? Und was passiert mit meinen Freunden, die ich zurücklassen muss? Ist es nicht auch in Ordnung, wenn ich erst einmal mit allem, was man so im Alltag zu tun hat, zurechtkommen will und mir dann erst überlege, wie es danach weitergeht? Macht nicht auch gerade das am Leben eigentlich so Spaß? Noch nicht zu wissen, wie sich Dinge entwickeln und sich Möglichkeiten ergeben, wie man sich weiterentwickeln kann. Immerhin hoffe ich darauf, dass man sich immer in irgendeine Richtung weiterentwickelt und auch nicht einfach damit aufhört, wenn die Punkte Hochzeit, Haus und vielleicht noch Hund auf der Liste abgehakt sind.

Ich glaube, wir könnten uns alle mehr auf das Unvorhergesehene und teils Chaotische, was das Leben eben mit sich bringt, einlassen, statt den perfekten vorgeplanten Leben, die wir scheinbar um uns herum und im Internet sehen, hinterherzujagen. Sich nicht dauerhaft neue Klamotten kaufen, geschweige denn von Designern. Essen von zu Hause mitnehmen, anstatt sich was zu kaufen und auch mal einen Zahnpastafleck auf dem T-Shirt haben. Den Kaffee verschütten, wenn man sowieso schon zu spät ist und das Zimmer nur aufräumen, wenn Besuch kommt. Mal single sein, mal in einer Beziehung und das alles in einem WG-Zimmer und nicht in der 90qm Wohnung mit Blick auf die Stadt. Das klingt für mich zumindest realistisch. Gibt es nicht eine Mitte zwischen “du musst wissen, was du mit deinem Leben anfangen willst” und “sei spontan und in deinen Entscheidungen nicht zu festgefahren”? Einfach dazwischen, irgendwo im Durchschnitt, und einfach mal schauen, wohin uns der Weg führt? Es muss nicht immer alles perfekt durchdacht sein. Einfach echt. Während ich das schreibe, rauscht die ganze Zeit der Song 20s von Bow Anderson durch meinen Kopf und ich kann nur eines sagen: ich fühl’s!

© Sinja Konduschek.

Wahrscheinlich bin ich nicht die einzige Person, der es so geht, also lasst euch gesagt sein: ihr seid nicht allein! Jeder geht seinen eigenen Weg in seinem eigenen Tempo und das ist auch gut so. Was bringt es, wenn man sich an anderen orientiert und mit ihnen vergleicht, nur um womöglich am Ende in einem Leben zu landen, in dem man sich gar nicht wohlfühlt und das gar nicht zu einem passt. Es kann schwer sein, in einer neuen Stadt anzukommen, neue Freunde zu finden und gleichzeitig auch noch gute Noten in der Uni zu erreichen und gute Leistungen im Job zu erbringen. Und es ist auch okay, wenn manchmal nur eine Sache davon klappt. Für alles andere ist auch noch später Zeit. Schritt für Schritt. Vielleicht seid ihr heute einfach mal nicht so streng mit euch und macht euch nicht so einen Druck. Vielleicht ist das der Anfang für ein zufriedeneres und trotzdem erfülltes Leben.

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