Wie „Queering of Age“ mich bewegt hat

Statt Stühlen liegen Kissen und Sitzsäcke auf den Stufen im Theater im Pumpenhaus. Draußen sind es 40 Grad, Getränke dürfen wir mit in den Saal nehmen. Am Eingang werden kleine Spielzeuge aus den 90ern verteilt. Ich greife schnell in die Box und ziehe einen verformten, beweglichen Ring mit verschiedenen Farben heraus. Ein Tangle Toy.

©William Warby auf Unsplash

Ich setze mich in die dritte Reihe im Schneidersitz auf eines der Kissen, das Bier platziere ich vor mich. Nicht, dass ich es aus Versehen umstoße, wenn ich meine Sitzposition ändern würde. Das wäre peinlich und ich kann ja wirklich nicht so lange still sitzen. Ich versuche einfach aufzupassen, dann passiert bestimmt nichts.

Während ich noch in Gedanken beim potenziellen Umstoßen meiner Bierflasche bin, wird es dunkel. Vorne auf der Bühne ist ein großes Quadrat mit pinkfarbenem Klebeband abgeklebt. In diesem Quadrat ist ein Zimmer aufgebaut: ein kleiner Röhrenfernseher, ein Sitzsack, Regale mit bunten Deko-Artikeln – alles ganz im Stil der 90er-Jahre. In diesem Zimmer sind drei Personen: Mareike, Marina und Cosmo, alle werden in einer ‚Choose your character‘-Manier aus Videospielen dem Publikum vorgestellt. Drei Personen, drei Charaktere, drei Geschichten.

©Dafna Gazit

Dann beginnen sie zu erzählen. Von dem Aufwachsen als queere Person in den 90ern und frühen 2000ern und den ersten (queeren) Küssen auf Übernachtungspartys. Von Familie, Freundschaften und Gefühlen wie Mut, Scham und Liebe. Von Situationen, die prägen. 

Dabei kommen auch popkulturelle Referenzen aus der damaligen Zeit nicht zu kurz: Angefangen bei Choreografien aus High School Musical bis zur Nachstellung einer Szene aus The Perks of Being a Wallflower. Für einen kurzen Moment sehe ich meine eigene Kindheit und Jugend da vorne auf der Bühne stehen – und irgendwie auch doch nicht. Plötzlich verstehe ich, was Cosmo in meinem Interview meinte: Die drei berichten zwar über ihr eigenes queeres Aufwachsen, schaffen aber eine gewisse Allgemeingültigkeit für alle.

Ich blicke mich im Saal um, schaue in gerührte und freudige Gesichter. Auch in mir spüre ich so viele Emotionen auf einmal. In erster Linie fühle ich mich einfach wohl, weil Mareike, Marina und Cosmo es geschafft haben, einen Safe Space auf die Bühne zu bringen, diesen zu verkörpern und auf das Publikum zu übertragen.

©Dafna Gazit

Als die Performance endet und das Publikum klatscht, schaue ich auf meine Bierflasche. Sie steht immer noch an derselben Stelle, an der ich sie zu Beginn platziert habe. Sie ist nicht umgefallen. Und auch ich sitze noch im Schneidersitz, ich habe mich kaum bewegt. Aber eins steht fest: „Queering of Age“ hat mich bewegt.


Gedanken & Gefühle während der Performance „Queering of Age“ von feige glanz & fervor.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kulturproleten

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen