Zwischen Zischlaut und Haltung – Wer richtig spricht, spricht richtig? 

Wer sich mit deutschsprachiger Gegenwartslyrik beschäftigt, kommt an Ursula Krechel kaum vorbei. Die 1947 in Trier geborene Autorin sammelte bereits während ihres Studiums der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln erste Theatererfahrungen als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund. Seit 1972 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, Romane, Hörspiele und Essays. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 2025 auch den Georg-Büchner-Preis. Zudem ist sie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland sowie der Akademie für Sprache und Dichtung.

Dieser Text zeigt erste Interpretationsansätze zu dem Gedicht Vom Zungenrand, das im Rahmen des Seminars Lyriktreffen 2026 bei Frau Dr. Springer besprochen wurde. 

©Kulturproleten. Erstellt mit Canva.

Sprich mal nach – „Spaß, Maß, Fuß“ (V. 2)1

Wo wird das ‘S’ phonetisch gebildet? Wann ist es stimmhaft und wann stimmlos? Und warum soll man plötzlich „Simpel, Sonne, Sahne oder die Sau rauslassen“ (V. 6–7) sagen? Was zunächst wie eine Anleitung aus einem Phonetikhandbuch zur Sprache wirkt, stellt sich als etwas ganz anderes heraus. Schon die ersten Verse könnte man als eine Artikulationsübung sehen. Begriffe wie „zischt“ (V. 2), „gelispelt“ (V. 2) oder „Reibelaut“ (V. 15) holen die Leser*innen in die Welt der Lautbildung. Wer das Gedicht laut liest, macht also unweigerlich bei der Übung mit. S-Laute werden nicht nur beschrieben, sondern gleich selbst produziert. Eine ‘performance’, die man auch als Leser*in erfährt. 

Eine Haltung im doppelten Sinne? 

Ursula Krechel ©Heike Steinweg.

Doch es scheint, als bleibe es nicht bei dieser einen Stimme im Gedicht. Die zu Beginn fast logopädische Stimme wird durch weitere Stimmen ergänzt. Spätestens bei dem Enjambement „was für eine lasche Körperhaltung/hat wohl kein Rückgrat“ (V. 3–4) verlässt das Gedicht ein Stück weit die Welt der Phonetik, und eine neue Sprechinstanz tritt auf. Die körperliche Haltung wird so zu einem Ausdruck einer inneren Verfassung, indem das fehlende Rückgrat sowohl auf die Wirbelsäule als Voraussetzung einer aufrechten Körperhaltung als auch auf den fehlenden Mut verweist, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Eine Haltung im doppelten Sinne? 

Man könnte es so verstehen, dass die sprachlichen Korrekturen zu einer sozialen Normierung werden. Wenn man kein Rückgrat hat, dann wird nicht einfach nur falsch gesprochen, sondern man gilt eventuell auch gesellschaftlich als angepasst. Es könnte angenommen werden, dass noch eine weitere Stimme in dem Gedicht sichtbar wird: „Was für ein Segen wärs, einfach mal stumm“ (V. 8). Ein Vers, in dem man diejenige Instanz hört, auf die diese Artikulationsübungen einwirken. Es scheint, als würde eine konkrete Norm vorausgesetzt werden, die verinnerlicht werden soll. Mit der Feststellung „So klappts“ (V. 14) wird der Eindruck einer belehrenden Instanz sichtbar. Es scheint einen Weg des Sprechens zu geben, der durch konsequentes Üben erreicht werden kann. Auch das ‘S’ selbst verändert sich in dem Gedicht. Anfangs bestehen noch verschiedene Möglichkeiten, das ‘S’ zu artikulieren: Es kann sowohl stimmhaft oder stimmlos sein, kann noch ausprobiert werden, sich formen. Am Ende steht jedoch scheinbar die Regel: „Im Auslaut ist das S immer stimmlos“ (V. 16). Phonetisch ist das korrekt. Poetisch bekommt das ‘stimmlose’ aber eine weitere Bedeutung. Da sich das ausgesprochene ‘S’ zugleich wie das Personalpronomen ‘Es’ anhört, könnte sich die Aussage auch direkt auf die Instanz beziehen, die im Prozess der sprachlichen Anpassung ‘verstummt’. Das ‘S’ wird vielleicht nicht mehr gelispelt und konnte durch Übungen korrigiert werden, aber hat die Instanz dafür seine Stimme verloren? Wer richtig spricht, spricht richtig? Vielleicht spricht man irgendwann normgerecht, wenn man sich an alle Regeln anpasst, aber dann möglicherweise nicht mehr mit der eigenen Stimme. 

Der Zungenrand als Grenze 

Auch der Titel selbst wirkt vor diesem Hintergrund vielschichtig. Ein Zungenrand ist der Ort, an dem Sprache überhaupt erst lautlich entsteht. Ein Rand bezeichnet jedoch auch immer eine Grenze: Im Gedicht markiert er damit nicht nur die Schwelle zwischen Innen und Außen oder zwischen Gedanken und gesprochenem Wort, sondern auch zwischen individueller Ausdrucksweise und gesellschaftlich normierter Sprache. 

Literatur

  1. Alle Versangaben in diesem Text beziehen sich auf das noch ungedruckte Gedicht Vom Zungenrand von Ursula Krechel. Wir danken Frau Krechel herzlich für die Erlaubnis, aus dem Gedicht zu zitieren. ↩︎

Dieser Gastbeitrag wurde von Merle Louis verfasst.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kulturproleten

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen