Wenn man sich auf der Startseite von Kulturproleten ganz nach unten scrollt, prangt da ein kleines Symbol, freundlich lächelnd und wohlbekannt. „Generative KI – nein danke.“

Das ist Selbstpositionierung, das ist Qualitätsmerkmal, das ist das „mundgeblasen” der generativen KI-Ära, zumindest in unseren Kreisen. Na klar sind wir gegen generative KI. Wir schreiben selbst, wir lesen selbst. Wir reflektieren unseren Medienkonsum. Wir geben uns unseren Guilty Pleasures hin, um danach drei Stunden darüber zu diskutieren. Aber eine Sache können wir uns einfach nicht hingeben. KI-Slop. Zum Beispiel: Fruit Love Island. Die millionenfach(!) rezipierte, komplett KI-generierte Mikroserie auf TikTok, die im März dieses Jahres viral ging.
Wohlgemerkt wäre es auch schön dumm, enthusiastisch bei dem zu sein, was gerade unsere Jobs bedroht. Uns, als Studierende der Kultur, der Literatur, des Schönen, des Ästhetischen.
Sitze ich in der Ästhetik-Vorlesung (von Prof. Moritz Baßler), kommt man selbst 2026 nicht um die Idee des Genies herum. Ach ja, dieses ✨Original ✨ … diese unterwürfige, manchmal esoterisch anmutende Idee des gottgege- wait, nein, der ist tot – naturgegebenen Talents, Neues zu schaffen. Eine konventionsbrechende Schöpfungskraft, eine Gabe, ein untrainiertes, untrainierbares, eingeborenes, eingegossenes Etwas – Ach! da muss sich jeder mit Hang zum Pathos bremsen! Mit diesem Etwas kann ich, in der Vorlesung sitzend, erstmal wenig anfangen.
Diese traditionelle Idee des Genies ist zu geringschätzig gegenüber der harten Arbeit, dem jahrelangen (Er)Lernen eines Skills, dem kollektiven Austausch zwischen Künstler*innen und der Intertextualität modernen Schaffens in einem digitalen Zeitalter. Zu unangenehm scheint auch die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst – und der klassistische Unterton, der ihr anhaftet.
Moderner fühlt sich die Position an, dass das Genie projiziert ist, manchmal mit einiger unterwürfigen, teils homoerotischen Liebe zum Objekt des Kults (damit ist nicht Prof. Baßler gemeint, I am looking at you, Schiller (who is looking at Goethe)):
„So ungefähr beurtheile ich den Gang Ihres Geistes, und ob ich Recht habe, werden Sie selbst am besten wissen. Was Sie aber schwerlich wissen können (weil das Genie sich immer selbst das größte Geheimniß ist), ist die schöne Übereinstimmung Ihres philosophischen Instinctes mit den reinsten Resultaten der speculirenden Vernunft.”
– Schiller, 4. An Goethe (Jena, 23. August 1794)
Ein Genie muss nicht über Lehrbüchern brüten. Ein Genie schafft einfach. Generative KI ist wohl der artigste Schüler der großen Meister*innen — späht KI doch heimlich seit Jahren auf die Arbeit unserer digitalen Genies: auf die Ästhetik der Autor*innen AO3s, auf die Pinselstriche der Künstler*innen auf DeviantArt, Instagram und Co., und die expressive Mimik von Schauspieler*innen auf TikTok.
Welchem Schüler war es jemals möglich, das geballte Wissen des Webs, dieser so prekären, alexandrinischen Bibliothek, in so kurzer Zeit zu lesen? Und viel drängender: Welcher Schüler mit solcher Bildung produziert am Ende all dieses Lernens Fruit Love Island? Die TikTok-Serie imitierte das Format der populären Reality-TV-Show Love Island und generierte mehrere Millionen Likes für die flirtenden Früchtchen – und sorgte für ebenso heiße Diskussionen zwischen Zuschauenden und Kritiker*innen. Bei Kritiker*innen wurde es durchweg als die Krönung der (oft dann auch gerne klassistisch aufgeladenen) Verdummung der Massen, als purer KI-Slop, gehandelt. So weit weg von jeglicher Originalität, dass es komplett auswechselbar erscheint.

Ah, aber da klingelt doch etwas… Walter Benjamin hat uns mit sowas längst vertraut gemacht. ‚Postauratische Kunst‘ stellt keinen Anspruch mehr auf Ehrfurcht und Kult. Dabei ist diskutabel, inwiefern die KI-generierte Version von Love Island sich von der menschengemachten Version unterscheidet, zumindest wenn es um den Verlust von Aura geht. Der Betrachtungsmodus scheint in beiden Fällen konsumorientiert und der Blick von Kritiker*innen auf die Betrachter*innen gewohnt kulturpessimistisch.
Verführerischer scheint es für uns und unsere Peers oft, vielleicht auch getrieben von der eigenen Angst um Job und Zukunft, zurück zum Konzept Genie zu flüchten: KI ist nur ein ungeliebter Reproduzent, ein bloßer Nachahmer, das uneigenständige Imitieren von konsumierbarer (Nicht-)Kunst. Und das, ja dieses pure Handwerk, dieses Un-Genie ist das Gegenteil vom wahrhaft Schöpferischen, das sich nun ganz und gar im Menschen, möglichst in jedem Menschen!, verorten muss.
Ah, da rutscht man schnell ab in dieses verlockende Sakrale.
Vielleicht (nicht) der überraschendste Schulterschluss im Lager Anti-KI passiert online mit dem doch schon vor 300 Jahren verendeten Konzept der Gottgegebenheit. Committed, alle Optionen und Argumente des menschlichen Genies und des geniehaften Menschen zu nutzen, erfährt ausgerechnet der Katholizismus eine kleine Renaissance (zumindest auf Social Media) … Dank sei Leo XIV. und seiner päpstlichen Schrift gegen KI. Aber genug vom Katholizismus. Es muss auch ohne Gott gehen.

KI-Nutzung wird gerne in jeder zweiten Kommentarspalte unterstellt – auch solchen Künstler*innen, die keine generative KI in ihrer Arbeit verwenden. Der Vorwurf von Kunstlosigkeit, stilloser, stumpfer Reproduktion; von Banalität, ja … von Slop: Der Albtraum einer jeden (kunst)schaffenden Person. Das vernichtendste Urteil. Manchmal geht es hervor aus scharfer Observation, manchmal aus einem Affekt heraus, mehr einer impliziten Verunsicherung der kommentierenden Person, einem: „Den Kitsch! Den Abklatsch! Ich erkenne es! Dieser Schund wird mich nichts fühlen lassen!“
Die Aura der Kunst (sakral oder auch nicht) wird immer wieder zum Qualitätsmerkmal, nicht nur der betrachteten Kunst selbst, sondern zum Qualitätsmerkmal der betrachtenden Person. In der anderen Hälfte der Kommentarspalten (Überlappung möglich) finden sich gehäuft die Aussprüche „AI could never […]“ in allen möglichen Variationen. Es ist ein: „JA! Ich spüre etwas! Dieses ETWAS! Dieses Ur-Menschliche! Dieses … dieses GENIE! Und ich DARF es spüren!“
Und noch schlimmer, gleichzeitig: Der Struggle damit, es nicht erkennen zu können. Das Getäuschtwerden und die shame, die humiliation, die Anfälligkeit der eigenen Sensibilität und die Schande, emotional auf die KI-Bunnies auf dem Trampolin hereingefallen zu sein.

Ungeachtet der ethischen Problematik vom weitläufigen generativen KI-Gebrauch konfrontiert uns die AI-sthetik mit unserer eigenen Rezeptionshaltung. Wann und wovon erlauben wir uns, gerührt oder ergriffen zu sein? Wir, wir Kunst- und Kulturliebenden, wir Studierten, mit der Literacy, GenKI (noch) zu erkennen. Dieses Wir im Diskurs positioniert sich mit diesem freundlich lächelnden, höflich verneinenden Sonnengesicht: „Generative KI – nein danke“. Wir stehen am Ende einer höflich lächelnden Traditionslinie, angefangen damals mit dem Studi-Protest gegen Atomkraft 1975. Unser Protest ist das studiertere, bürgerlichere, anbiederndere Pendant zu den radikaleren Bewegungen, die davor warnen, dass wir zu viel zu verlieren haben, um höflich zu sein. Was sagen wir damit über uns selbst aus, wenn wir uns dagegen positionieren?
Auch in dem Zeitalter, in dem nahezu jedes Kunstwerk technisch reproduzierbar geworden ist, bleibt auratische Kunst erhalten. Es scheint gerade so, als würde sich heute verzweifelter und leidenschaftlicher denn je eine Stilgemeinschaft um die Idee des menschlichen Künstlers, des wahren Genies, bemühen. Wohin aber mit uns, die Fruit Love Island verschmähen, aber die leider weder katholisch genug noch radikal genug für einen Kreuzzug gegen KI sind? Und stehen wir am Ende allein da, wenn wir uns mit einem höflichen “Generative KI – nein danke” begnügen?
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