Ein hartes Herz unter dem Wollstoff: Abdalrahman Alqalaq – ‚Rost der Zuversicht‘

Das Lyriktreffen in Münster lebt von Vielfalt: im Programm, in den Texten und nicht zuletzt in den Sprachen und Herkunftsländern der Dichter*innen und Übersetzer*innen. Diese Stimmen haben uns viel zu sagen und bei einigen möchten wir ganz genau hinhören. Nachdem wir uns gestern intensiv mit Oksana Maksymchuk und der Ukraine beschäftigt haben, möchten wir uns heute dem palästinensischen Autor Abdalrahman Alqalaq widmen. Er wurde 1997 in Alyarmouk geboren, einem Flüchtlingslager am Rand von Damaskus. Als Alyarmouk im Frühjahr 2015 von IS-Terroristen belagert wurde, floh Alqalaq nach Deutschland.1 Heute ist er als Dichter und Performer tätig. Er studiert zudem Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis sowie Kulturpolitik im internationalen Vergleich an den Universitäten Hildesheim und Rabat. 2022 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband vierundzwanzig auf Arabisch und 2024 erschien mit Übergangsritus sein erster Band in deutscher Übersetzung bei Wallstein.2 Aus diesem Band stammt auch das Gedicht Rost der Zuversicht, was wir uns heute genauer anschauen wollen.

Abdalrahman Alqalaq ©Jan Hillnhütter.

Reine Formsache

Damit wir wissen, womit wir es zu tun haben, hier kurz die Eckdaten: Rost der Zuversicht ist ohne festes Metrum und Reimschema geschrieben. Es besteht aus 15 Versen, die formal als eine einzelne Versgruppe gestaltet sind. Allerdings lassen sich vier Sinnabschnitte ausmachen, die jeweils durch ein Adjektiv am Versanfang strukturiert werden: „Traurig“ (V. 1), „Vergessen“ (V. 2), „Tot“ (V. 10) und „Leichtsinnig“ (V. 13).3 Diese Struktur lässt sich besonders durch die Orthographie und Interpunktion des Textes erkennen. Dieser befolgt die Regeln zur Groß- und Kleinschreibung, sowie zur Setzung von Kommata – eine echte Ausnahme in der Gegenwartslyrik! Lediglich Punkte werden nicht gesetzt, mit Ausnahme des Schlusspunkts am Ende des Gedichts. Dass die Adjektive zu Beginn der Sinnabschnitte jeweils großgeschrieben werden, impliziert einen vorausgegangenen Punkt, sodass die Sinnabschnitte gleichzeitig als solche erkennbar sind, aber dennoch im Fluss des Gedichts stehen.

Semantische Feldforschung

Alle vier Adjektive beschreiben einen unbestimmten jemand, ein „wer“ (V. 1), welches über Handlungen definiert wird, die es ausführt – oder eben unterlässt. Dabei ist dieses ‘wer’ zu bemitleiden, weil es sich selbst nie vergessen auf einem Gehsteig hat liegen sehen (vgl. V. 1). Es ist vergessen, weil es keinen Kontakt zu anderen Menschen hat. Es ist tot, weil es gleichgültig gegenüber sterbenden Kindern und übersehenen Lebewesen ist. Auf diese Weise formt sich nicht nur ein Bild dieses jemands, sondern auch des semantischen Felds, was hier bespielt wird. Die Adjektive ‚traurig‘, ‚vergessen‘ und ‚tot‘ lassen sich mit Unbelebtheit, Trauer und Sterben assoziieren und stehen daher auch außerhalb des Gedichts im Paradigma von ‚Tod‘. Nur das vierte Adjektiv, ‚leichtsinnig‘, scheint hier auf den ersten Blick nicht reinzupassen, da es außerhalb des Zeichensystems des Gedichts nicht im selben Paradigma stattfindet. Dadurch, dass sich alle auf dasselbe ‘wer’ beziehen, werden sie im Text in Beziehung gesetzt. Erst durch diese Äquivalentsetzung im Gedicht wird ‘leichtsinnig’ Teil des semantischen Felds ‚Tod‘.

My loneliness is killing me

Ein weiteres semantisches Feld, das sich durch das Gedicht zieht, ist das Motiv der Isolation. Unser mysteriöses ‘wer’ führt seine Gespräche nur mit Gesichtern auf Handydisplays, die zwar pars pro toto für Menschen stehen, doch bewusst als eine entfremdete Version des zwischenmenschlichen Kontakts inszeniert werden. Ansonsten findet nur das „Selbstgespräch“ (V. 8) statt. Gefühle werden nicht gefühlt (vgl. V. 11) und ein vermeintlich „hartes Herz“ (V. 12) wird „unter grobem Wollstoff versteckt“ (V. 14) und damit von der Außenwelt abgeschirmt. Dem entgegen steht der Möglichkeitsraum der Interaktion, der zwar gezeigt, aber stets negiert wird: „einen Fremden für ein Lächeln […] loben“ (V. 7) wird sich nicht getraut und „der alten Nachbarin“ (V. 9) wird nicht zugehört. Dabei sind dies die einzigen Figuren, die real sowie greifbar sind und mit denen Interaktion möglich wäre. Hier wird also die Opposition aus den semantischen Feldern ‚Isolation‘ und ‚Gemeinschaft‘ aufgemacht, wobei der ‘grobe Wollstoff’ wie ein Vorhang fungiert, der die Grenze zwischen beiden semantischen Räumen markiert.

„Leichtsinnig, wer glaubt, sein Herz sei hart
und es unter grobem Wollstoff versteckt
bis ihn der Rost der Zuversicht auffrisst.“ 

(V. 13-15)

Die Möglichkeit, diese Grenze aus der Isolation heraus zu übertreten, liegt darin, das Herz nicht länger zu verstecken. Ein Ereignis, was eintreten wird, denn das Verstecken ist begrenzt, „bis ihn der Rost der Zuversicht auffrisst.“ (V. 15). Dabei ist unklar, ob mit ‘ihn’ der Wollstoff oder die ‘wer’-Figur gemeint ist. Denn grammatikalisch ist der Wollstoff naheliegend, aber semantisch wird das schwierig. Rost befällt für gewöhnlich nur Eisen oder eisenhaltige Legierungen (z. B. Stahl), was sich im Gedicht in den „Gleisen“ (V. 5), aber vor allem auch in den Patronen des „Kugelhagel[s]“ (V. 12) unmittelbar finden lässt – Dinge, die sich durchaus mit einem kolonialistischen Expansionsbestreben westlicher Staaten in Verbindung bringen lassen.

Möglicherweise ist auch die vermeintliche Härte des Herzens metallischer Natur. Damit sind es jedenfalls eindeutig negativ konnotierte Objekte, die dem Rost zum Opfer fallen werden, was im Einklang mit der positiven Besetzung der Korrosion steht. Der Rost ist hier keine Beschädigung, sondern Befreiung. Wenn der „Rost der Zuversicht“ frisst, wird die Grenze von der Isolation in die Gemeinschaft übertreten.

Alles eine Frage der Perspektive

Übergangsritus ©Wallstein Verlag.

Auch in den anderen semantischen Feldern findet dann eine Bewegung statt, denn mit dem Verstecken ist auch der Leichtsinn vorbei, der in das Paradigma ‚Tod‘ gerückt war (s. o.). Antonymisch zum Paradigma Tod steht ‚Leben‘ und antonymisch zu ‚leichtsinnig‘ stehen Attribute wie ‚vorsichtig‘ und ‚weitsichtig‘, die eine Blickrichtung suggerieren und dabei eine zukunftsweisende Ausrichtung haben. Dies haben sie wiederum mit der ‚Zuversicht‘ gemeinsam.

Dieses motivische Aufgreifen von Sichtweisen verweist ebenso auf die Frage nach der Sprech-Perspektive, die das Gedicht aufmacht: „Traurig, wer sich nie vergessen auf einem Trottoir hat liegen sehen“ (V. 1). Hier ist vermutlich nicht gemeint, dass es traurig sei, die Erfahrung, vergessen auf einem Gehsteig zu liegen, nie gemacht zu haben. Stattdessen ist zu bemitleiden, wem dieser Blick auf sich selbst fehlt. Wer nie den Möglichkeitsraum ausgelotet hat, dass ihn dieses Schicksal ereilen könnte – und wer sich damit auch der Empathie dieser Erfahrung gegenüber verschließt.

Dabei ist dieses ‘wer’, was mit verschiedenen Zuschreibungen bedacht wird, keine konkrete Person, sondern ein unbestimmtes Subjekt. Es wird darüber definiert, welche konkreten Handlungen es ausführt – oder eben nicht ausführt. Damit steht die Ansprache des Gedichts offen. ‘Wer’ ist ein identifikatorisches Angebot an die Rezipierenden. Ein Prüfstein; ein Schuh, von dem die Lesenden entscheiden können, ob er passt.

Dabei ist die lyrische Stimme dem ‘wer’ trotz seiner Verfehlungen stets zugewandt und warnt gewissermaßen vor dem Leichtsinn, sich in Härte und Isolation zu verschanzen. Dem ungenutzten Potential der bisherigen Vergangenheit („nie“ (V. 1, 4, 7, 8)) steht noch immer die Möglichkeit der offenen Zukunft entgegen. Der Schlüssel für die Befreiung aus dem Wollstoff-Käfig? Hinschauen, Empathie fühlen und den Rost der Zuversicht fressen lassen.

Literatur

  1. Orlowski, Corinne: Abdalrahman Alqalaq im Porträt: Lyrik aus der palästinensischen Diaspora, in: Deutschlandfunk Kultur, 21. November 2024. https://www.deutschlandfunkkultur.de/abdalrahman-alqalaq-im-portraet-lyrik-aus-der-palaestinensischen-diaspora-dlf-kultur-5c2234c3-100.html. ↩︎
  2. Wallstein Verlag: Abdalrahman Alqalaq. https://www.wallstein-verlag.de/autoren/abdalrahman-alqalaq.html. ↩︎
  3. Alqualaq, Abdalrahman: Übergangsritus. Gedichte und Prosa. Mit einem Nachwort von Michael Krüger. Aus dem Arabischen übersetzt von Günther Orth, Leila Chammaa und Sandra Hetzl. Göttingen: Wallstein 2024. Alle Versangaben beziehen sich auf das Gedicht Rost der Zuversicht in diesem Band. ↩︎

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