Oksana Maksymchuks Kriegslyrik 

Anlässlich des Lyriktreffens in Münster 2026 unter dem Motto „Poesie und Sprechblase“ (Lyriktreffen, 2026).

©Kulturproleten. Erstellt mit Canva.

Seit dem Februar 2022 führt der russische Präsident Wladimir Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Bis zum April 2026 wurden 43.352 Zivilist*innen verletzt, 15.578 starben, darunter 784 Kinder.1 Für viele Menschen, die keinen Kontakt mit Kriegsbetroffenen haben, verbleibt zu ihnen eine Anonymität und Distanz. Informationen über den Krieg, die uns über die Berichterstattung erreichen, halten diese aufrecht. Unvorbereitet treffen uns zum Teil wiederum die Informationen, die wir über Social Media erhalten. Oksana Maksymchuk verringert durch ihre Gedichte diese Distanz und zwar in einem Format, das den Lesenden erlaubt, die Lebensrealität der Kriegsbetroffenen bewusst zu konsumieren: in einem Buch. 

Die Dichterin, Wissenschaftlerin und Literaturübersetzerin pendelt seit mehreren Jahren zwischen den USA, Europa und ihrem Geburtsort Lviv – Ukraine – und schreibt ihre Gedichte auf Ukrainisch und Englisch. Ihre preisgekrönten Gedichtbände wurden bereits in verschiedene Sprachen übersetzt. Unter anderem: Words for War: New Poems from Ukraine im Deutschen: Tagebuch einer Invasion aus dem Jahr 2025, das im Hanser Verlag erschienen ist und von Matthias Kniep übersetzt wurde.2 Aus diesem Band stammt das Gedicht Rakete im Raum

„was die Rakete gemeinsam hat / mit dem Raum voller Kinder / ist ihr gegenwärtiger Standort“3

Oksana Maksymchuk ©Dirk Skiba.

In dem Gedicht werden der Einschlag einer Rakete, ihr Abschuss durch einen ersten „jemand“ und das Eintreffen eines zweiten „jemands“ am zerstörten Ort beschrieben. Die Wiederholungen der Wörter „Rakete“, „Kinder“, „Raum“ und „jemand“ heben diese hervor und markieren sie als bedeutsam. Schaut man sich ihre Beziehung untereinander an, stellt man fest, dass die Einheit des räumlichen Existierens von Rakete und Kindern neben der Topologie zudem auf ihre semantischen Räume verweist: Kinder, als schützenswerte, lebendige, kleine Menschen und Raketen, als zerstörende, todbringende Maschinen, teilen sich keinen semantischen Raum, sie sind oppositionell voneinander getrennt und haben unvereinbare Attribute. Erst im Krieg haben sie eine Gemeinsamkeit: „ihr[en] gegenwärtigen Standort“ (V. 3). Semantisch Unvereinbares wird räumlich vereinbar gemacht und zwar durch einen ersten „jemand“: 

„jemand dachte die Rakete / gehöre in den Raum mit den Kindern / und jetzt ist sie da“
(V. 4–6)

Diese Person hat die Macht, sich über semantische und topologische Grenzen hinwegzusetzen, und es scheint ihr nicht einmal schwer zu fallen. Liest man die durch die Enjambements in der Versgruppe voneinander getrennten Verse, denkt „jemand“ die Rakete und schon ist sie da, sie existiert qua ihrer Gedanken. Der erste „jemand“ hat eine schöpferische Machtposition inne, der der zweite „jemand“ wiederum oppositionell gegenübersteht. Wirkt der erste „jemand“ machtvoll von oben, reagiert der zweite menschlich am Boden: „mit der Zeit / wird jemand kommen / und die Einzelteile einsammeln“ (V. 7–9) „weinen und […] schreien“ (V. 11– 12). Die zeitliche Struktur des Gedichtes suggeriert jedoch, dass diese Zeit noch nicht gekommen ist – der Krieg ist noch nicht vorbei.

Momentan, so heißt es in der vorletzten Versgruppe, sind Kinder und Rakete „eine ungeordnete Angelegenheit“ (V 15). Hier wird ebenfalls die sachliche Sprache des Gedichtes deutlich, die in Relation zum Beschriebenen einen euphemistischen Charakter haben könnte. Jens Uthoff von der taz hebt hervor, dass „[g]erade die Nüchternheit ihres Stils [ ] den Effekt [hat], dass man innehält, nachdenklich wird.“4 Er beschreibt ihren Stil als „präzise und ohne jedes Pathos“.5 Im Gedicht Rakete im Raum wird durch diese berichtende Sprache und die indefinite Beschreibung der Personen als „jemand“ (wie in der Berichterstattung) eine Anonymität und Distanz erzeugt. Die Indefinitpronomen lassen sich als Stellvertreter für bestimmte und unbestimmte Personen lesen, sodass zum einen der Krieg gegen die Ukraine und zum anderen Krieg an sich abgebildet wird. Die dann durch die Reaktion des zweiten „jemands“ verringerte Distanz, als Person, mit der man als Rezipient*in „mitfühlen“ kann, bietet an dieser Stelle trotz der Anonymität Nähe und Hoffnung, dass mit der Zeit Jemand kommen könnte. 

Literatur 

  1. Statista: Ukraine-Krieg: Tote und Verletzte in der ukrainischen Zivilbevölkerung laut Zählungen der UN. 2026. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/ 1297855/umfrage/anzahl-der-zivilen-opfer-durch-ukraine-krieg/. Zuletzt aufgerufen am 25.06.2026. ↩︎
  2. Hanser Literaturverlage: Oksana Maksymchuk. 2026. Verfügbar unter: https://www.hanserliteraturverlage.de/personen/oksana-maksymchuk-p-2945. Zuletzt aufgerufen am 25.06.2026. ↩︎
  3. Maksymchuk, Oksana: Tagebuch einer Invasion. München: Hanser 2025, S. 38, V. 1–3. Alle weiteren Versangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. ↩︎
  4. Uthoff, Jens: Zwischen Lyrikboom und Gleitbomben. „Tagebuch einer Invasion“: Ein Gedichtband der ukrainischen Autorin Oksana Maksymchuk formt aus dem Schrecken des Krieges griffige Poesie. taz 08.09.2025. Verfügbar unter: https://taz.de/UkrainischeDichterin-Oksana-Maksymchuk/!6112134/. Zuletzt aufgerufen am 16.06.2026. ↩︎
  5. Ebd. ↩︎

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