„Manipulation durch Phrasen ist nichts Neues. „ohne sorge sei ohne sorge“ – so ließ Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag wir 2026 feiern, die Konsumwelt im Gedicht „Reklame“ säuseln.“1
Ingeborg Bachmanns bekanntes Gedicht Reklame lässt sich sehr einfach als reine Konsumkritik lesen. Dass Lyrik (und Sprache generell) aber hinter dem Offensichtlichen oft noch eine zweite – vielleicht nicht ganz so leicht zugängliche – Bedeutungsebene haben kann, wird nicht nur im Zuge des diesjährigen Lyriktreffens, sondern auch schon in Bachmanns Gedicht selbst deutlich.
Meist braucht es eben nur etwas Kontext und Kleinarbeit, um verborgene Bedeutungen zu begreifen – und hinterher fragt man sich, wie man diese überhaupt übersehen konnte.
Da Bachmanns Reklame einen ausgezeichneten Einstieg in das Motto des Lyriktreffens – Poesie und Sprechblase – und das Lesen von Lyrik generell bietet, soll die folgende kleine Interpretation des Gedichts dabei helfen, sich mental in den Lyrikmodus zu begeben. Denn obwohl einem Poesie manchmal wie eine fremde Sprache vorkommen kann und beim ersten Lesen nur ein kursives Hä? durch den Kopf geht, lässt sich schnell feststellen: Lyrik bockt. Und Lyrik kann extrem viel.

Wir gehen rein.
Ingeborg Bachmanns Gedicht Reklame ist aus dem Jahr 1956 und gehört damit zur Nachkriegsliteratur. Manche anderen Schriftsteller*innen dieser Zeit porträtierten in ihrer Lyrik etwa ein heiles Weltbild – Friede, Freude, Eierkuchen halt. Diese Art der Lyrik könnte im Kontext des Krieges auch als Lebenshilfe oder als Form des Eskapismus verstanden werden: Man möchte (oder kann) sich mit den grausamen Kriegsereignissen nicht auseinandersetzen. Also dichtet man sich die Welt um. Anders ist es bei Bachmanns Gedichten. Diese werden zum Teil der sogenannten „hermetischen“ Lyrik zugeordnet. Hermetische Lyrik zeichnet sich etwa dadurch aus, dass sie besonders komplex und sprachlich verdichtet ist. Sie wurde vornehmlich von Überlebenden des Krieges verfasst. Der Begriff ‘hermetisch’ ist hier jedoch problematisch: Denn auch diese Lyrik ist in keiner Weise von anderen poetischen Strömungen abgeschottet und kann (und muss) sehr wohl historisch und gesellschaftlich kontextualisiert werden. Obwohl auch Reklame also mitunter als „abgeschottetes” Gedicht bezeichnet wird, ist in der Interpretation des Textes also definitiv zu berücksichtigen, dass es nach dem Krieg entstanden und von den Kriegsgeschehnissen beeinflusst worden ist.
Formalia (da kommen wir nicht drum herum)
Reklame besteht aus zwanzig Versen, es gibt keine Einteilung in Gruppen und auch kein Reimschema. Jede zweite Zeile ist kursiv gesetzt. Das Gedicht ist im Präsens geschrieben und es gibt keine Zeichensetzung. In den kursiven Versen wird bis auf eine Ausnahme durchgängig klein geschrieben. Auffällig ist eine Leerzeile vor dem letzten Vers (auch ‘Monovers’ genannt).
In Reklame gibt es kein explizites lyrisches Ich und keinen direkten Adressaten. Aber: die nicht-kursiven und kursiven Verse stehen in einem Frage-Antwort Verhältnis zueinander, man bekommt also den Eindruck eines Dialogs (man erfährt aber nicht, wer genau da jetzt spricht). Man hat also zwei Stimmen im Gedicht. In den nicht-kursiven Versen äußert die eine Instanz tiefgreifende Sorgen und Fragen, in den kursiven Versen reagiert eine andere Instanz auf diese Äußerungen.
Stimme 1 (nicht-kursiv) spricht grundlegende Fragen an. Sie fragt nach der Endlichkeit des Lebens und dem Umgang mit Schrecken und Ungewissheit. Diese Fragen wirken drängend und wichtig.
Stimme 2 (kursiv) reagiert zwar auf die Fragen, beantwortet sie aber eigentlich gar nicht. Stattdessen wirkt Stimme 2 – gerade durch Wiederholungen von Ausdrücken – wie ein Mantra: beschwörend, eindringlich, beschwichtigend, erstickend.
Historische Kontextualisierung (jetzt wird’s spannend)
Wenn man das Gedicht googlet, wird meistens die Deutung von Reklame als Konsumkritik angeboten. Dafür spricht auch vieles. Zuallererst natürlich der Titel Reklame. Nach dieser Deutung richtet sich das Gedicht also dagegen, dass Werbung versucht, mit den lockenden Versprechungen von Heiterkeit und Sorglosigkeit von menschlichen Fragen und Sorgen abzulenken und diese zu verdrängen. Dabei wäre Stimme 2 (kursiv) als direkte Ansprache an eine einzelne Person oder auch die Gesellschaft insgesamt zu lesen.
Auch wichtig für die Deutung ist, dass das Gedicht starke Ähnlichkeiten zur Sprache der Werbung zeigt. Denn nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Sprache der Werbung lassen sich textübergreifende sprachliche Muster und Techniken feststellen. Zum Beispiel sind Texte sowohl in der Werbung als auch in der Lyrik oft deutlich sprachlich verdichtet. Sie arbeiten also mit vielen sprachlichen Mitteln im Verhältnis zur Länge des Textes.
Bei Reklame ist vor allem die Dialogizität zwischen Stimme 1 und Stimme 2 auffällig. Dieses dialogische Verfahren und in diesem Zuge auch die Verwendung vom Imperativ sind gleichzeitig auch Merkmale der Werbesprache. Denn auch in der Werbung werden Menschen wie in einem Dialog direkt angesprochen und mit Imperativen zum Kauf aufgefordert.
Außerdem lässt sich sowohl in der Sprache der Werbung als auch in der Lyrik der häufigere Gebrauch von Neologismen erkennen. In Reklame wäre das zum Beispiel der Begriff „Traumwäscherei“ (V. 16). Dass das Gedicht also selbst Ähnlichkeiten mit der Werbesprache hat, trägt viel zur Deutung als Konsumkritik bei.
Noch mehr Bedeutung
Aber dass Reklame zur Nachkriegslyrik gehört, eröffnet Bedeutungsebenen, die über diese Deutung hinausgehen. Denn es ist anzunehmen, dass Bachmanns Lyrik – ähnlich wie auch die Werke anderer Nachkriegslyriker*innen – stark von den Eindrücken des Krieges geprägt ist und diese ihr Schreiben nicht nur beeinflussen, sondern manchmal vielleicht auch der alleinige Anlass dafür sind. In der Interpretation des Gedichtes ist der Krieg also explizit mitzudenken. Das wiederum kann auch die Deutung und das Verständnis von anderen rätselhaften Begriffen ermöglichen. Für die Lesart, die den historischen Kontext stärker berücksichtigt und über eine reine Konsumkritik hinausgeht, spricht etwa der unbestimmte Artikel in Vers 11. Dass hier von einem Ende statt von dem Ende die Rede ist, könnte etwa darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht um die Frage nach dem Ende des Lebens (als das eine Ende von allem) handelt, die sich wohl jede Person einmal stellt. Stattdessen geht es um ein Ende, was auf ein Ende (von mehreren) innerhalb der eigenen Lebenszeit hindeutet. Das wirft die Frage auf, um was für ein Ende es hierbei geht: Um das Ende eines anderen Menschenlebens und die Trauer, die man nun verarbeiten muss? Oder möglicherweise auch um das Ende des Krieges selbst, nach dem man sich nun überlegen muss, wie man selbst weiter macht, mit dem Erlebten umgeht, und wie man nach dem Schrecken überhaupt an eine Zukunft denken kann. Auch die „Fragen und der Schauer aller Jahre” (V. 15) wären als Bezug auf eine Erinnerung an die Kriegsjahre denkbar. Dann wäre das Gedicht als Dialog zweier innerer Stimmen lesbar. Der eine, fragende Anteil weiß nach dem Ende des Krieges nicht, wie er das Geschehene verarbeiten soll oder kann. Der andere, reagierende Anteil, lockt mit Verdrängung und wirbt dafür, sich abzulenken und das Geschehene beiseite zu schieben.

Träume waschen?
So ist in diesem Kontext zum Beispiel der Neologismus „Traumwäscherei“ (V. 16) besonders auffällig, der auch formal durch die Großschreibung hervorsticht, da diese vom übrigen formalen Schema des Gedichtes abweicht. Denn in den kursiven Zeilen werden auch Substantive sonst kleingeschrieben. Der Begriff verleitet zum einen zur Assoziation mit Gehirnwäsche, kann zum anderen aber auch metaphorisch verstanden werden. So scheint „Traumwäscherei“ (V. 16) hier als Schlüsselwort von Stimme 2, indem es Erleichterung und Sorglosigkeit verspricht. Das Wort scheint hier etwas Schönes zu sein. Etwas, was einem gut tut. Aber es stellt sich die Frage: Was genau macht eine Traumwäscherei? Wäscht sie Träume (von etwas) rein, wäscht sie etwas fort, verwäscht sie etwas, wäscht sie die Träume selbst oder wäscht sie jemanden von Träumen rein? Eigentlich ist gar nicht so klar, was in der Traumwäscherei passiert.
Und jetzt kommt’s: im Kontext der Nachkriegszeit kann die ‘Wäscherei’ ebenfalls die Assoziation mit dem sogenannten ‘Persilschein’ hervorrufen. (Den muss man erstmal kennen!) Dieser Begriff war nach dem Krieg eine umgangssprachliche Bezeichnung für den Entnazifizierungs-Schein, der nach dem Durchlaufen des Entnazifizierungsprogamms bestätigen sollte, dass die Person nun von nationalsozialistischem Gedankengut “gereinigt” sei. Dieser Schein garantiert aber natürlich nicht, dass sie keine Nazis mehr sind. Mit der „Traumwäscherei“ wird hier also auch eine falsche Scheinheiligkeit impliziert. Als könne man etwas fort- oder reinwaschen (etwa eine beschmutze Geschichte, einen Krieg), was nicht ungeschehen gemacht werden kann und stattdessen eher aufgearbeitet werden muss.
Ohne Worte
Auch die Leerzeile und der alleinstehende Vers (Monovers) am Ende des Gedichts sind spannend. So könnte die Leerzeile etwa symbolisch für die vorher genannte „Totenstille“ stehen. Sie kann aber auch als Einladung aufgefasst werden, das Gedicht noch einmal zu lesen, und dabei nach dem Beispiel der Leerzeile die kursiv gesetzten Verse auszusparen. Und auch der der Monovers am Ende bietet mehrere Deutungsmöglichkeiten an: So ist etwa unklar, welcher Wortklasse sich „eintritt“ zuordnen lässt. Denn nachdem im Gedicht mitunter bewusst auf Großschreibung verzichtet wird, wird dadurch auch hier die Möglichkeit eröffnet, es handele sich um ein kleingeschriebenes Substantiv, das ‘einen Eintritt’ bezeichnet. Zudem könnte ‘eintreten’ als Verb in der 3. Person Singular als ein gewaltsames Eintreten (Zerstören) von einem Objekt verstanden werden. Oder es könnte auch als Eintreten (Hinübertreten) in einen anderen Raum hinein verstanden werden.
Gerade die letzten Verse lassen sich also gar nicht eindeutig verstehen, denn sie bieten mehrere Deutungsebenen. Das führt auch dazu, dass das Gedicht zum Ende hin offen bleibt und keinen klaren Abschluss bekommt. Es lädt also dazu ein, es nochmal zu lesen und auch nochmal zu deuten.
Fazit (geschafft!)
Reklame könnte also sowohl als Konsumkritik gelesen, als auch als Aushandeln eines Umgangs mit den Kriegsjahren, den Erinnerungen daran und deren Verarbeitung verstanden werden. Zentral ist dabei das Motiv der Verdrängung, die zwar verlockend ist, aber potenziell falsche Versprechen gibt und keine Lösung für die drängenden Fragen bietet. In beiden Fällen ist durch den Titel Reklame jedoch immer präsent, dass es sich um eine Manipulation oder ein falsches Werbeversprechen handeln könnte. Dem Versprechen zu folgen, würde in dem einen Fall die existenziellen Fragen nicht lösen und in dem anderen Fall auch das Kriegsgeschehen negieren.
Wenn ihr bis hierher mitgelesen habt: Respekt! Das war nicht wenig. Aber vielleicht habt ihr ein bisschen gecheckt, dass Lyrik ganz viel mehr zu bieten hat, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Und dass sich ein zweiter (oder auch dritter und vierter) Blick wirklich lohnen kann.
Literatur
- Lyriktreffen: Poesie und Sprechblase. https://lyriktreffen.de/poesie-und-sprechblase/ ↩︎
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