Früher waren wir wilde Kerle. Früher, als wir lernten, dass Pink eine Mädchenfarbe ist und ergo uncool. Wir prügelten uns in Stollenschuhen Gr.42 an unseren Kinderfüßen zum Fußballtraining und hassten jede Sekunde: die gammeligen Schienbeinschoner und die Jungs und das Geräusch, wenn der Ball getreten wird, und den Geruch von nassgeschwitztem Polyester. Es nahm uns dort keiner ernst, das bedeutete für uns, wir mussten umso dringender versuchen, Fußball zu mögen und cool zu sein und wie ein Junge zu sein, weil: Als Junge wird man ernst genommen, aber Mädchen sind kompliziert. Mädchen haben weniger heldinnenhafte Narrative als Leon, Slalomdribbler, Torjäger, Blitzpasstorvorbereiter und seine Boys auf dem Fußballplatz.
Mädchennarrative waren halt immer nur Mädchennarrative, nichts weiter. Jungennarrative waren echte Geschichten. Und wenn wir ernst genommen werden wollten, mussten wir über unsere Mädchennarrative hinauswachsen.
Wir waren whack beim Fußball und waren eigentlich auch nur da, weil wir die Filme witzig und den Soundtrack gut fanden, gar nicht das Spiel an sich. Wir hatten ein “Wilde Kerle”-Freundebuch, es würde also nur zu unserem Character-Arc passen, auch im echten Leben Fußball zu spielen. Außerdem bildeten wir uns was drauf ein.
Das Patriarchat hatte unser unreifes Hirn schon mit zehn durchgekaut und ausgespuckt, aber wir waren zehn und nicht besonders klug und feierten es, dass die Wilden Kerle so wild und solche Kerle waren. Wir wären auch gern so lässig gewesen, aber wir hatten halt keinen Schwanz, I guess. Das ist ja historisch gesehen meistens das Problem.
Uns ist auch in der Pubertät kein Schwanz gewachsen, was bedauerlich sein könnte, wären da nicht sie.
Die Anderen.
Die wilden Kerlinnen, die haarige Knie und die besten Stories zu erzählen haben. Die Kerlinnen, an deren klugen Lippen wir hängen und deren Häute mit unseren verschmelzen, wenn sie reden.
Mit den Kerlinnen tauschen wir Kleider und Erfahrungen aus, wir sprechen im Chor, auch wenn wir in unterschiedlichen Städten wohnen. Wir wissen: Wir alle kommen aus dem Scheidenmilieu und da machste auch als Mann nichts dran.
Wir sind wütende (Zer)Denkerinnen mit Milchsäurekenntnissen und Watteprojektilen.
Mit ihnen sind wir klug und mit ihnen sind wir so dumm, wie wir wollen, weil wir ihnen nichts beweisen müssen. Sie sind unsere Muttersprache.

Die Kerlinnen und wir reiten auf unseren Cameltoes durch Nacht und Wind, ohne Vater, sind nicht mehr Kind, und brauchen niemanden, der uns einen schützenden Hof macht.
Wir haben Rasierbrand am Arsch und die Vulvarheiten mit Löffeln gefressen.
Die Kerlinnen haben Muschelschnitte unter den Füßen vom Auferstehen aus den Wellen. Die Kerlinnen kennen den Spliss an unseren Beinhaaren.
Das sind Kerlinnen, wie Pegasi beflügelt. Kerlinnen wie die Hügel in der Toskana voller Sonne und Denkmäler.
Die Kerlinnen haben Bizeps, Biss und Stokowski gelesen.
Unsere Unterbäuche sind rund und weich, darin bewahren wir unsere Komplimente auf.
Wir erkennen uns vielleicht nicht im Spiegel, aber dafür in einander, Reflexionen unserer 5-/15-/25-jährigen Ichs in der Sonne, blendende Blagen voller Mühe und Not und Sommerhits.
Die Kerlinnen und wir gucken „Die Wilden Kerle 1“ bis „Die Wilden Kerle 4“, wir treten Leon und Co. auf dem Fußballplatz entgegen, aber wir sind deutlich besser gealtert als sie und mit dem Fußball kannst du keine Medusenblicke zerschießen. Bananafishbones singen „Mädchen sind immer nur fies“ und „Jungs sind immer nur scheiße“ und der Song ist immer noch ein Banger, aber inzwischen möchte sich die Redaktion vom Inhalt distanzieren.
Ihr dürft in unser Wilde Kerlinnen-Freundinnenbuch schreiben, auf unseren Seiten ist noch was frei. Der Fußball darf bleiben, aber wir übernehmen das Narrativ. Wenn wir schon nicht den Wal sprengen durften, dann sprengen wir wenigstens diese phallischen Erzählungen. Unsere Zähne sind leicht schief, damit die Wörter besser raus können, die Möwen warten schon, was wir zu sagen haben. Es wird ein Festmahl.
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