Ich möchte hier von einem seltsamen Erlebnis erzählen, das ich im letzten Jahr hatte, damit ich es nicht vergesse. Und zwar war es Herbst, abends, als mir plötzlich all das auf der Zunge lag: Ein blauer Sommerhimmel, einsame Wattewolken, die sich träge durch den Tag schleppten. Hitze, eine flirrende Hitze, und Halme von den gelben Feldern, die mir in den Gaumen piksten, und der Staub der Felder auf meiner Haut. All das auf der Zunge. Dort war auch das Brüllen der Maschinen, von einem Mähdrescher oder einem Häcksler oder was weiß ich, hat mich ja nie interessiert sowas, kann mich nur an dieses gleichmäßige Brüllen erinnern. Und auf der Zunge lag auch, dass ich mich zusammen mit meinem Bruder auf die Eiche setzte, er in die Krone, ich weiter unten, und wir ließen die Beine baumeln und schauten den Bauern bei der Arbeit zu, wie der Mähdrescher oder Häcksler oder was weiß ich das Feld fraß, bis nur noch Stoppeln und Staub blieben. Da war auch Grün, vielleicht der Wald hinter den Feldern oder der Efeu am Haus, da war der in der Sonne flimmernde Asphalt der Straße – so heiß war es, dass der Teer auf der Straße nachgab und auch der Teer an den Strommasten war so warm, dass man die eigene Hand hineindrücken konnte.
All das lag mir also auf der Zunge. Ich kann mich nicht erinnern, wie es dazu kam, ich weiß nur, dass all das da war – ein weicher Punkt, der diesen heißen Sommertag meiner Kindheit in sich verdichtete, hinten am Zungenrücken, auf den papillae vallatae. Was mich damals beunruhigte und mich heute noch beunruhigt, war, dass ich nichts schmeckte. Und was man nicht schmecken kann, ist für die Zunge nicht fassbar, logischerweise, dafür ist schließlich eine Zunge da, zum Schmecken. Aber der blaue Himmel, der Staub der Felder, die Hitze, der Teer und so weiter: Diese ganze Welt lag mir auf der Zunge, ich konnte sie nur nicht fassen. Absurd, ich weiß, denn wie sollte das möglich sein, wo doch zum Gucken die Augen da sind, zum Hören die Ohren, zum Riechen die Nase?
Ich wusste es nicht. Ich weiß es noch immer nicht, Monate später. Und deshalb schreibe ich es auf, muss es fixieren, gliedern, es muss raus, raus, raus, sonst fürchte ich, dass diese Welt, dieser konzentrierte Kosmos, der mir auf der Zunge lag, völlig schwindet. Dabei habe ich es ja versucht: Ich weiß noch, wie ich direkt am nächsten Tag, einem Samstag, in die Praxis ging (ich bin Zahnarzt, daher auch die papillae), und meine Bücher durchforstete, ob ich irgendwas fände, was mir die Verbindung zwischen Zunge und Erinnerung erklären könnte. Ich fand nichts. Ich schaute im Internet und las, was ich schon wusste: Dass die Zunge primär ein Sinnesorgan für den Geschmack sei und es sehr wohl eine enge Verbindung zwischen Geschmack und Erinnerung gebe. Und dass Geschmack Erinnerungen hervorrufen könne – aber das war es ja gerade, ich habe eben nichts geschmeckt! Also fand ich auch hier keine Hilfe und ich rief einen meiner Freunde aus Studienzeiten an, aber als seine Frau ans Telefon ging, legte ich auf, denn vor ihr kam ich mir albern vor.
Da wurde mir klar, ich muss das allein lösen, und dafür muss ich zurück zum Ursprung dieser Welt auf meiner Zunge. Also stieg ich in den frühen Morgenstunden in mein Auto, ich hatte ja Wochenende, und fuhr fünf Stunden aufs Land zum Haus meiner Kindheit. Es muss gegen Mittag gewesen sein, als ich dort ankam, es regnete leicht, ein Wind ging. Ich fuhr ein, zwei Straßen weiter, stellte das Auto auf einem Waldparkplatz ab und näherte mich dem Haus von hinten. Als ich den Waldrand erreicht hatte, war der Jägerhochsitz weg, das sah ich sofort. Und ich erinnerte mich, dass wir dort, direkt neben dem Hochsitz, einmal Feuer spielen wollten, mein Bruder und ich, und fast hätten wir den Wald und das Feld angezündet. Die Feuerwehr kam und der Nachbar zog mit seinem Traktor einen Graben um das Feuer und auch die Angst in Mamas Gesicht hatte ich nicht vergessen.
Das Feld lag zu dieser Zeit natürlich brach und würde erst im Sommer wieder Pflanzen führen, vielleicht sogar die Gerste von damals. Auch der Staub in der Luft zitterte nicht vor Hitze, die Luft war klar, sie schmeckte kühl und nass. Ja, genau das tat ich, um diese Welt besser fassen zu können: Ich streckte ebendiese Zunge heraus und ließ sie in der Luft verweilen. Schließlich war das ja das Problem. All das, was mir auf der Zunge lag, war unbeantwortet, bis ich es schmecken konnte. Und das blieb es, denn nirgendwo schmeckte ich den heißen Sommertag voll der eigentümlichen Freiheit, stundenlang auf einer Eiche zu sitzen und sich die Zeit mit Beinebaumeln und Staunen zu vertreiben.
Nein, dieser Sommertag war nicht zu finden. Doch ich wollte es nicht wahrhaben. Ich lief aufs Feld und versenkte meine Hände in der feuchten Erde, aber ich fühlte nichts. Ich lief zur Eiche, die noch stand, und mit einiger Mühe gelang ich hoch. Als ich dann oben saß, die Beine baumeln und den Blick übers Feld schweifen lassen wollte, wurde mir einfach langweilig. Und das konnte nicht sein in der Welt auf meiner Zunge, da wurde einem nicht langweilig. Als dann jemand vom Nachbarhaus rief, was ich denn auf dem Baum zu suchen hätte und dass das ein Privatgrundstück sei, wäre ich auch noch fast heruntergefallen. Und das ging erst recht nicht.
Ich verließ also diesen vergangenen Ort und bald hatten sie mich wieder, die gewohnten Dinge. Doch jeden Tag spüre ich diesen leeren Platz auf meiner Zunge und das ist dann, als hätte man mir den Teil weggeschnitten. Deswegen muss ich hier einmal von ihr erzählen, der Welt auf meiner Zunge, damit ich sie nicht vergesse. Denn ich gebe nicht auf. Im Sommer werde ich wiederkommen, wenn die Felder wieder stehen.
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