Oder When Life Imitates Art
ACHTUNG: Dieser Beitrag kann Spuren von SPOILERN enthalten!
Was macht einen Superhelden aus? Übernatürliche Stärke wie bei Captain America, Retter in der Not wie Superman, Rächer der Gerechtigkeit wie Batman… die Liste ist lang. Vielleicht landet man dann auch irgendwann bei den Superheldinnen und denkt an enge Bodysuits, coole Actionszenen, selbstbewusste Sprüche und Killer of Men., das ist auch schon fast alles, was weiblichen Heldinnen so zugeschrieben wird – zumindest, wenn man sich die prominentesten Beispiele von Marvel und DC anschaut. Das Genre der Superheld:innen auf der großen Leinwand und im Heimkino wird maßgeblich von diesen beiden Filmstudios dominiert und lieferte Jahre lang große Blockbuster! Doch schon länger fühlen sich diese Filme nicht mehr an wie früher und der ewige Kampf der Guten gegen das Böse ist einfach nicht mehr derselbe, sobald durch ein Multiversum sowieso jederzeit alles möglich ist und quasi nichts mehr wirklich auf dem Spiel steht.
Eric Kripkes Serie The Boys nahm sich 2019 der Superhelden-Sache an und gab dem Ganzen einen neuen Anstrich – allerdings anders, als man es von diesem Genre erwartet. Kurz zusammengefasst: Wir befinden uns im Nordamerika einer fiktiven Realität. Superhelden, die sogenannten Supes, gehören selbstverständlich zur Bevölkerung und durch eine spezielle Droge ist es Menschen möglich, Superkräfte zu erlangen. Und es läuft genau so, wie es in so einem Szenario eben kommen muss: Die Firma Vought vermittelt und vermarktet ihre Supes als Sicherheitsgarantien für Staaten, als Werbegesichter oder auch in Spielfilmen über ihre Heldenhaftigkeit – natürlich inklusive eigenem Merch! Der Kern ist allerdings, dass die Supes keineswegs heldenhaft oder „die Guten“ sind, sondern hinter den Kulissen lediglich auf ihr eigenes Image und ihre Machtposition achten und dabei eher zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden. Die Boys, eine Gruppe von Menschen ohne Superkräfte, die alle eine individuelle Rechnung mit den Supes offen haben, stellen sich ihnen in den Weg.

Eric Kripke zeigt mit seiner Serie, dass das Genre des Superhelden langsam und berechtigterweise seinen popkulturellen Status verliert. Die (sehr amerikanisierte) Vorstellung einer übernatürlichen Figur, die gegen das große Böse kämpft und somit Ordnung und Gerechtigkeit in der Welt (oder doch irgendwie immer nur New York?!) wiederherstellt, ausgedient hat. In einer Zeit, die von realen Gewalt-, Terror- und Kriegsakten geprägt ist, wirken diese Leute in ihren bunten Anzügen und mit schlauen Sprüchen eher wie eine schlechte Parodie.
Die Serie ist vor allem bekannt für sehr viel explizite Gewalt und Nacktheit, die auf die absurdesten Arten dargestellt werden, was wiederum eng mit den verschiedenen Superkräften verknüpft ist. Denn es sind nicht nur coole und bewundernswerte Talente, die einen praktischerweise als Kämpfer für die Gerechtigkeit ausstatten, wie man es sonst Superhelden kennt. Da kann es auch schon mal zu ausdehnbaren Genitalien oder unnatürlich schnellem Haarwuchs kommen. Auch die Namen der Supes sind nicht teils nicht gerade glamourös: A-Train, The Deep, Black Noir oder Firecracker wirken ebenfalls beinahe parodistisch. Auch die Figuren dahinter tragen zu einer anhaltenden Absurdität bei, die man so nicht von den strahlenden Superheld:innen kennt.
Die größte Stärke dieser Serie ist ihr Antagonist: Homelander. Er ist der mächtigste, stärkste und in der Bevölkerung beliebteste Superheld und lässt sich gerne dafür feiern. Mit seinem rot-blauen Anzug und einer amerikanischen Flagge als Cape greift er gerne auf die patriotische Seite seiner Fans zurück und stellt sich in den Dienst Amerikas. Hinter den Kulissen von Vought zieht er jedoch die Fäden, duldet keinen Widerstand und schreckt auch vor gnadenloser Gewalt nicht zurück. Die Figur ist wunderbar furchteinflößend geschrieben, denn in den meisten Momenten ist sie unberechenbar. Sobald Homelander in einer Szene auftaucht, ist unklar, was nun passieren wird. Zum einen liegt das an Anthony Starrs Performance, der diese Figur durch Mimik und Gestik zu einem unmöglich einzuschätzenden Gegenüber perfektioniert hat. Zum anderen ist Homelander ein recht wankelmütiger Charakter, der gerne die Kontrolle hat und es nur schwer verkraftet, wenn die Dinge nicht nach seinem Sinne laufen. Doch er ist weder einfach nur böse um der Bösartigkeit Willen noch weist er eine halbwegs nachvollziehbare Motivation vor: Homelander ist ein narzisstisches Schmollkind im Körper des übernatürlich stärksten, zur Waffe geformten Superhelden der Welt. Auf der Suche nach Bestätigung dirigiert und manipuliert er sein Umfeld, wobei ist es ihm egal ist, ob sie ihm ehrlich oder freiwillig gegeben wird. Denn im Kern ist Homelander selbst sehr unsicher und sucht seinen Halt im Zuspruch Anderer. Er zeigt von Staffel zu Staffel mehr, wie gefährlich Narzissmus in Kombination mit Macht sein kann.
Ein starkes Merkmal der Serie ist ihr Mut, soziale und politische Kommentare zu setzen, die teilweise gruselig nah an unserer Realität sind. Es geht um Wahlmanipulation und die Spaltung der Bevölkerung in zwei Lager, die entweder radikal auf Homelanders Seite stehen oder sich der Gegenbewegung, den Starlightern (nach der Superheldin Starlight), anschließen. Dann wäre da noch die Manipulation und Korruption des Präsidenten und irgendwann entstehen auch Gefängnislager für alle, die Homelander moralisch, politisch oder auch einfach nur so im Weg stehen. Kommt uns das nicht bekannt vor? Die Situation erreicht ihren Höhepunkt, als Homelander sich als einzig wahrer Gott inszenieren lässt und die Democratic Church of America ins Leben ruft, die fortan zur Staatsreligion werden soll – ganz nach dem Motto: America First. Laut den Machern war die Serie nie dazu gedacht, eine fiktive Parallele zu unserer politischen Weltlage zu sein, aber da hatten sie die Rechnung wohl ohne die Absurditäten unserer Gesellschaft gemacht. Fragt sich, wer zuerst die Idee mit den KI-generierten Jesus-Bildern hatte…
Die Macht der Medien spielt in der Serie eine große Rolle: Vought führt unter anderem einen eigenen Fernsehsender, der Verschwörungstheorien verbreitet und die Fakten im Sinne Homelanders etwas verbiegt. Außerdem besteht seit Beginn der Serie ein geniales, cross-mediales Marketing durch einen YouTube-Kanal und Instagram-Account der Firma Vought, auf denen Inhalte aus dem Boys-Universum geteilt werden – sei es ein Statement des CEOs, eine Oster-Botschaft von Homelander, In Memoriam-Meldungen von Figuren oder ein Manosphere-Podcast. Hieran lässt sich nicht nur erkennen, dass die Macher der Serie gutes Marketing im eigenen Sinne verstanden haben, sondern auch, dass sie sich der Macht von Medien und ihrer Außenwirkung für den Aufstieg eines Diktators bewusst sind.
Ist The Boys eine perfekte Serie? Nein. Natürlich gibt es, wie fast immer, bessere und schlechtere Momente und über das Finale ist sich das Internet auch noch nicht so ganz einig. Es lohnt sich aber trotzdem, den spannenden Figuren bei einem sehr ungleichen Machtkampf zuzusehen, ohne zu wissen, wie es letztendlich ausgehen wird. Fast so, wie in den Nachrichten – nur mit cooleren Kameraeinstellungen.
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