„Das ist Fotzenstyle im Original“1 – so eröffnet Ikkimel im Track Was jetzt? ihr aktuelles Album Poppstar (2026). Keine Frage, damit schließt die selbsternannte „allergrößte Fotze der Stadt“2 nahtlos an ihr Debütalbum Fotze von 2025 an und setzt thematisch weiterhin auf Partys, Drogen und Sex. Eine Derbheit, die von Männern im HipHop seit jeher Standard ist, bei weiblichen Rapperinnen jedoch immer wieder zu Unverständnis, Kritik und Hate führt. Ikkimel lässt sich nicht beirren und feiert weiter ihre selbstbestimmte Sexualisierung und ist dabei aktuell der größte Pop(p)star am Fotzenrap-Himmel. Auch Shirin David lebt die Fotzigkeit: „Make-up sitzt und der Walk ist fotzig“ und „fotzfrech, unverschämt“3 heißt es in ihrem Song It-Girl auf Schlau aber blond (2025). Aus der deutschen Pop-Landschaft sind die Fotzen aktuell nicht mehr wegzudenken, aber woher kommen sie? Wofür stehen sie? Und ist das wirklich erst ein Trend der letzten drei Jahre? Wohl kaum, denn schon Nura und Juju gingen bereits 2016 mit ihren Fotzen in den Club.4 Klar, SXTN walked so 2020s Fotzenrap could run, aber gehen wir doch mal zurück auf Anfang.

Um wiedergeboren werden zu können, muss die Fotze zunächst einmal geboren werden. Tatsächlich lässt sich der Ursprung des Begriffs ‚Fotze‘ ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Allerdings gab es da noch keine Bardinnen, die ihn im Sinne von female empowerment verwendet haben. Stattdessen war er gleichbedeutend mit dem mittelhochdeutschen ‚vut‘, was eine Bezeichnung für das weibliche Genital und durchaus negativ konnotiert war, da es mit ‚faul‘ in dessen alter Bedeutung ‚stinkend‘ verwandt war.5 Es dürfte niemanden überraschen, dass aus dem Begriff für das weibliche Genital also schnell eine Beleidigung wurde: ‚hinterfotzig‘, ‚bitterfotzig‘ – you name it. Das ist natürlich keine singuläre Erscheinung, denn wer ein Feigling ist, ist schnell eine ‚Pussy‘. Der beleidigende Aspekt ist dabei nicht die Anstößigkeit des Genitals, denn „du Pimmel“ hat einfach nicht dieselbe Schlagkraft. Es ist wohl eher so, dass in der Weiblichkeit der Fotze das eigentlich Verabscheuungswürdige liegt. Schließlich geht es doch schon im Kindergarten los: Du läufst/wirfst/springst/weinst wie ein Mädchen. Von klein auf wird Weiblichkeit herabgestuft und zu einem Fehler degradiert, für den man sich entschuldigen muss. Das schafft Distanz zur eigenen Weiblichkeit und pflanzt internalisierte Misogynie in kleine Mädchenherzen, die richtig aufblühen kann, wenn ihnen als Teenagerinnen gesagt wird: „Du bist nicht wie die anderen Mädchen“. Ein weiter Weg also, bis sich dieses Narrativ zur selbstbewussten Fotzigkeit wandelt, die offensiv feminin und sexuell selbstbestimmt ist – und sich niemals dafür entschuldigt.

Serving Cunt
Dieses Reclaiming des Begriffs lässt sich nachvollziehen, indem in den US-amerikanischen Raum geschaut wird. Dort wurden sich in der Vergangenheit bereits ursprüngliche Beleidigungen wie ‚queer‘ oder das ‚N-Word‘ von den jeweils betroffenen Communities wiederangeeignet. Gehen wir, wie das Cambridge Dictionary, davon aus, dass ‚Fotze‘ dem englischen ‚Cunt‘ entspricht,6 können wir hier einen analogen Prozess des Reclaimings beobachten. Interessant ist dabei, dass der Begriff, der in Deutschland vor allem von weißen Frauen dazu genutzt wird, ihre Heterosexualität auszuleben, in den USA eigentlich von Schwarzen Transfrauen und queeren Personen zurückerobert wurde. Diese haben in der Ballroom und Voguing Szene von New York City bereits seit Jahrzehnten ‚cunty‘ verwendet, um weibliche Souveränität auszudrücken.7 Der Vibe der Szene und der Cuntyness wird besonders gut in Kevin Aviances Song Cunty (The Feeling) (1995) mit dazugehörigem Musikvideo eingefangen. Später schwappten dann Begriffe wie ‚serving cunt‘ durch RuPauls DragRace über den Atlantik auch in die europäische Popkultur, wo sie ein neues Bild der Cuntyness und Fotzigkeit prägten.
Cuntology 101
Heutzutage bildet die Trias aus „fotzig“, „atzig“ und „mausig“ die Basis für ästhetische Urteile. In dieses Dreieck lassen sich von den Charakteren der Lieblingsserie über Sternzeichen hin zu Studiengängen sämtliche Kategorien einordnen, hier sogar die eigene Persönlichkeit. Dabei ist ‚mausig‘ im Endeffekt alles, was süß oder lieb ist. ‚Atzig‘ ist derber und dabei cool, lässig, kernig, bodenständig. Und ‚fotzig‘ ist selbstbewusst, theatralisch, energiegeladen, sexy und feminin – alles Attribute, die noch immer stark an die Wurzeln in der Ballroom- und Drag-Szene erinnern. Wer das Label ‚fotzig‘ für sich annimmt, zelebriert die eigene Weiblichkeit – und, ganz wichtig, das können nicht nur cis-Frauen, sondern jede Person! Wer fotzig ist, steht zur eigenen Sexualität und lebt diese aus. Diesen Aspekt machen Ikkimel, Shirin David und andere Vertreterinnen im Fotzenrap besonders groß, doch die neue Fotzigkeit geht darüber hinaus: Eine Fotze steht zu sich selbst und rechtfertigt sich nicht dafür, sich selbst zu priorisieren und zu lieben. Eine Fotze akzeptiert sich radikal. Eine Fotze respektiert auch andere, die sich in derselben Freiheit bewegen. Eine Fotze setzt Grenzen. Eine Fotze geht in Therapie und ist bereit zu wachsen. Eine Fotze hat Werte, die die Lambrini Girls in Cuntology 101, einem Manifest der Fotzigkeit, ausbuchstabieren:
Getting used to saying no is cunty
Getting out of your comfort zone
Learning how to let go is cunty
Having cum on my shirt is cunty
Setting boundaries is cunty
Respecting others is cunty too
Putting yourself first is cunty
Learning to love yourself is cunty8
Die Wiedergeburt der Fotze
Das Reclaiming eines herabwürdigenden Begriffs durch die unterdrückte Gruppe ist immer eine Art Wiedergeburt. Eine neue Besetzung für ein Wort wird geboren und gleichzeitig findet auch die Gruppe in dieser Handlung zu neuer Stärke und Selbstbestimmung. Ein Prozess, der auch in der Wiedergeburt der ‚Fotze‘ zu finden ist. Wie passend also, dass Beyoncé im Jahr 2022 auf ihrem Album den oben genannten Song Cunty (The Feeling) von Kevin Aviance sampelte und für ihren Track Pure/Honey verwendete. Der Titel dieses Albums: Renaissance.
Bemerkenswert ist, dass mit der Fotze nicht ein beliebiger Begriff wiedergeboren wird. Es ist ein erneutes Gebären des singulären Organs, was selbst zu einer Geburt fähig ist: das weibliche Genital. Die Fotze. Die Verkörperung von Weiblichkeit, Leben und Potential. Durch die Neugeburt und Neubesetzung können diese schöpferische Kraft potenziert und Räume für eine neue Weiblichkeit geschaffen werden. Eine Weiblichkeit, die jede*r in sich finden kann. Eine Weiblichkeit, die zelebriert werden will. Die ultimative Renaissance.
Literatur
- Ikkimel: Was jetzt? Auf: Poppstar (2026). ↩︎
- Ikkimel: Bikini Grell. Auf: Hat sie nicht gesagt (2024). ↩︎
- Shirin David: It-Girl. Auf: Schlau aber blond (2025). ↩︎
- SXTN: Fotzen im Club. Auf: Asozalisierungsprogramm (EP) (2016). ↩︎
- Duden: Art. ‚Fotze‘. https://www.duden.de/rechtschreibung/Fotze ↩︎
- Cambridge Dictionary: Art. ‚Cunt‘. https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch-deutsch/cunt ↩︎
- Vgl. Mack, David: The C-Word Is Everywhere Right Now — And Not in a Bad Way, in: Rolling Stone 15.05.2023. https://web.archive.org/web/20250801191314/https://www.rollingstone.com/culture/culture-features/c-word-is-everywhere-lgbt-tucker-carlson-1234735324/ ↩︎
- Lambrini Girls: Cuntology 101. Auf: Who Let The Dogs Out (2025). ↩︎
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