Für Kokoschka, Ofelia und all die anderen

Heute Nacht sind die Hühner wild, heute Nacht gibt es nichts, was uns noch stoppt. 

 

Eine CD, die bei mir in der Kindheit rauf und runter lief, war das Hörspiel zum Film Die wilden Hühner. Die CD wurde so oft eingesetzt und von vorne abgespielt, dass ich den Text quasi immer noch mitsprechen kann. Ich bin mit den wilden Hühnern aufgewachsen, und natürlich wurden sie zu meinen Vorbildern. Auf Social Media habe ich zuletzt ein Video einer Creatorin gesehen, die die bekannte Klavier-Ouvertüre des Films aus der Perspektive der Mitte 20-jährigen Hühner neu interpretiert hat. Und ja, was soll ich sagen, sie traf damit einen Nerv in mir. Nostalgie kommt bei mir immer in Wellen. Und fast immer mit Tränen. Mit nassen Wangen, bebenden Nasenflügeln und einer laufenden Nase sehe ich mein 8-jähriges Ich vor mir: ausgestattet mit selbst gebastelter Federkette und einem Marmeladenglas, für die schönen Momente, an die es sich zurückerinnern möchte.

© Foto von Siora Photography
(siora18) auf Unsplash.

Wenn ich nun Jahre später meine Musik-Streaming-App öffne, dasselbe Hörspiel suche, den Play-Button drücke und die ersten Klänge in meinen Ohren ertönen, erinnere ich mich zurück. In der Zwischenzeit habe ich so viel erlebt, schöne und nicht so schöne Momente. Mein Marmeladenglas müsste heute voll sein. Vielleicht brauche ich ein neues. Ich will zurück zu dem, was mich einmal berührt hat und ich merke, die Erinnerung daran nimmt mich immer noch mit. Ich suche nach einem Gefühl, das eigentlich schon längst in mir zu finden ist. Wenn ich die Augen schließe, sitze ich vielleicht wieder in meinem alten Kinderzimmer mit der gelben Vliestapete und den bunten Kringeln.

Meine liebsten Hörspiele und Filme waren Banden- und Detektiv*innengeschichten. Diese Geschichten, in denen Kinder für Gerechtigkeit sorgen, weil die Erwachsenen nicht genau hinschauen oder selbst ihr Unrecht treiben. Die, in denen sich Kinder auf Hühner-Rettungsaktionen oder in gewagte Höhen begeben, um ihrem Gerechtigkeitssinn nachzugehen und gemeinsam ein Problem zu lösen. Auch wenn Die wilden Kerle, die Vorstadtkrokodile und Die drei ??? mich begeistert haben, mochte ich die weiblichen Pendants doch immer etwas lieber. Die wilden Hühner und Die drei !!! haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Es geht immer um Repräsentation und um so froher bin ich, dass Cornelia Funke die wilden Hühner zum Leben erweckt hat. 

© Foto von Brett Jordan (brett_jordan) auf Unsplash.

Die wilden Hühner stehen sinnbildlich für mich und wahrscheinlich eine ganze Generation für Girlhood. Endlich verstanden werden, sich gesehen fühlen, feste Umarmungen, weibliche Solidarität und Gemeinschaft, das aufeinander Achtgeben und Aufpassen, Halt geben und rohe wärmende Verbindungen. Heute nicht mehr auf dem Pausenhof, sondern auf der Clubtoilette. Auf der Straße. Beim gegenseitigen Nach-Hause-Bringen. Beim zweifachen Umdrehen und dreifachen Fragen, ob alles okay ist. Es steht für gemeinsame Erfahrungen und geteiltes Verständnis. Das Schönste ist immer noch das unerwartete Kompliment oder Zurücklächeln einer fremden Frau in der Bahn. Die wilden Hühner haben mir beigebracht, ungezähmt und unbeugsam zu sein: Verneigt euch nie. Bleibt gerade und aufrecht stehen. Und dann holt euch den Respekt, der euch gebührt. Ich habe gelernt, Bestehendes zu hinterfragen, herauszufordern und zu brechen – für Kokoschka, Ofelia und all die anderen. 

In den sozialen Medien gehen Videos viral, in denen sich ein Wilde Hühner-Sommer gewünscht wird. Doch wonach wird sich da konkret gesehnt? Nach einem Wohnwagen im Grünen? Einer Auszeit von der Stadt? Dem wärmenden Gefühl weiblicher Solidarität? Wir sind mit Sprotte, Frieda, Trude, Melanie und Wilma und einem Wohnwagen als Rückzugsort aufgewachsen. Wir sehnen uns zurück in eine Zeit, in der wohl noch alles in Ordnung schien – weniger Krisen, weniger Probleme, die erste Liebe, der erste Herzschmerz. Die wilden Hühner stellen eine Nostalgie-Blase dar, die nicht zerplatzen soll. Rosig und weich. 

© Foto von Clem Onojeghuo (clemono) auf Unsplash.

Von Sprotte lernte ich, dass, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ich alles schaffen kann. Ich bewunderte Trudes Blick dafür, in allem etwas Gutes zu sehen. Bei Melanie hatte ich immer das Gefühl, sie wusste schon, wie das Erwachsensein funktioniert. Frieda war immer für ihre Freundinnen da. Wilma wollte unbedingt Teil der Bande sein – so wie ich. Heute sehe ich, wie oft Sprotte auf sich allein gestellt war und zu früh erwachsen sein musste. Frieda war zwar empathisch, hat aber nie an sich selbst gedacht und immer die Bedürfnisse der anderen über ihre eigenen gestellt. Trude wurde eher übersehen, belächelt, nicht ernst genommen. Melanie musste früh lernen zu funktionieren und ließ sich über ihr Aussehen definieren. Und Wilma wurde von den anderen zuerst ausgeschlossen und der Zugang zur Gruppe wurde ihr erschwert. 

Damals wünschte ich mir meine eigene Bande aus wilden Hühnern. Und genau das ist heute meine Realität. Das größte Geschenk sind die Frauen an meiner Seite, meine Freundinnen und weiblichen Bezugspersonen. Sie haben mit mir schon so viel durchlebt: Herzschmerz, Trauer, Wut und Euphorie. Dabei ist jede Gefühlslage und Facette erlaubt. Ob Wand an Wand oder über hunderte Kilometer hinweg – wir geben aufeinander acht, updaten uns und hören einander zu. In meinen Freundinnen finde ich mich selbst. Durch sie komme ich näher bei mir an und lerne mehr über mich. Sie schenken mir das, wonach ich mich sehne: Verständnis, Gemeinschaft und Solidarität, ungeschönt ehrliche Gespräche, Gefühlsausbrüche, feste Umarmungen und Vermissungen. In den 20ern haben wir gemeinsam Übernachtungspartys, Kreativabende und Casual Hangouts zurückgebracht. Wie schön ist es, Menschen zu haben, die man schmerzlich vermisst und von denen man sich liebend gerne 20-minütige Sprachnachrichten als Podcasts anhört.

© Foto von Zachariah Smith (uranium337) auf Unsplash.

Gerade jetzt, wo ich selbst viele meiner Freundinnen ungemein vermisse, weil wir an unterschiedlichen Orten leben, einige für ihren Master weggezogen oder auf Reisen sind, merke ich, wie ich mich unbedingt wieder bei ihnen melden muss. Vielleicht mit einer 20-minütigen Sprachnachricht, einem FaceTime-Anruf oder einem Casual Hangout. Und während ich bestehende Verbindungen pflege, wächst meine Bande weiter: Ich treffe immer wieder neue, inspirierende Frauen, die einen Platz in meinem Herzen finden.  

Ihr seid meine wilden Hühner. Ich brauche definitiv ein neues Marmeladenglas. Und vielleicht einen Wohnwagen im Grünen. Und zum Schluss: Bildet eure eigenen Banden! 

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