Geisterbahn

Triggerwarnung: Suizid, Depression, Selbstverletzung

Ich sitze in der U-Bahn und lese ein Buch: Coup de Grâce von Sofia Ajram. Genau wie ich, sitzt auch ihr Protagonist Vicken in der U-Bahn. Aber im Gegensatz zu mir ist Vicken in Montreal unterwegs und nicht im Ruhrgebiet. Im Gegensatz zu ihm ist meine Fahrt weniger existenzialistisch. Ich habe eine Freundin besucht und bin auf dem Heimweg. Vicken will sich umbringen.

© Irvin Zheng auf Unsplash.

Er betrat die U-Bahn-Station in Montreal, stieg in den Zug und plante, an der Endstation Saint-Lawrence-River auszusteigen, um sich dort im Fluss zu ertränken. Doch sein Plan geht nicht auf. Nicht, weil er an seinem Startpunkt den hübschen Felix kennenlernt, mit dem er einen flüchtigen Hookup erlebt, dadurch seinen Lebenswillen zurückgewinnt und es ein tolles Happy End gibt – leider. Sondern weil er, als er als letzter Fahrgast die Endstation Saint-Lawrence-River erreicht, diese nicht verlassen kann. Unheimlich. Der Gedanke an Freud ploppt wie ein Pop-up in meinem Kopf auf, doch ich klicke vehement auf ‚schließen‘. Ich möchte mich auf den Text einlassen und verbanne Freud wieder zurück in mein Unterbewusstsein.

Vicken findet sich also in dieser U-Bahn-Station wieder, die ihn wie ein Escher-Gemälde in die Irre führt und ihn in ihrem brutalen Brutalismus gefangen hält. Hoffentlich bleibt mir das an meinem Ziel erspart. Aber noch sind wir nicht da. Wir halten zwar, aber es sind noch einige Stationen. Menschen steigen aus und jetzt bin auch ich allein im Zug. Ich starre noch eine Weile auf das flackernde Licht der Haltestelle und als die Bahn wieder Fahrt aufnimmt, bleibt mein Blick immer noch eine Weile auf das Fensterglas gerichtet. U-Bahnen und Bahnhöfe sind schon eigenartige Orte. Wir nehmen sie eigentlich kaum als solche wahr. Hetzen nur schnell zum Zug oder scrollen genervt am Gleis durch Instagram, wenn wir mal wieder warten müssen. Wirklich Zeit verbringen möchte hier niemand.

© Mehrnaz Taghavishavazi auf Unsplash.

Mit einem Mal beschlägt die Scheibe, als hätte jemand seinen Atem dagegen gehaucht. Und als würden unsichtbare Finger in die Milchigkeit hineinmalen, erscheint dort nach und nach Schrift: „non-lieu“. Spuk? Und dann auch noch auf Französisch? Ich bin irritiert, doch ich weiß, dass ich meinem Augé trauen kann. Mir läuft ein Schauer über den Rücken und ich schüttle mich, versuche mich wieder in den Text zu vertiefen.

Die Art, wie Vicken das Betonlabyrinth beschreibt, in dem er unterwegs ist, erinnert mich an diese Internet-Videos, die ich vor einer Weile entdeckt habe: liminal spaces. Manchmal werden sie auch Backrooms genannt. In diesen kurzen Filmen wird in Egoperspektive die Bewegung durch Räume gezeigt, in denen eigentlich nichts passiert und die trotzdem eine ganz eigenartige Mischung aus Nostalgie und Unbehagen auslösen. Verlassene Shoppingmalls, menschenleere Erlebnisbäder oder eben U-Bahn-Stationen. Genau die sind nämlich auch in diesen liminal space Videos ein beliebtes Sujet.

Ich höre ein Lachen und fahre zusammen. Panisch blicke ich mich um, doch der Wagen ist noch immer leer. Na gut, das habe ich mir vielleicht eingebildet. Ich bin schon bereit, das Geräusch zu vergessen, da bleibt mein Blick an dem „no borders / no nations“-Sticker am Sitz vor mir hängen. Zumindest hätte ich schwören können, dass das da vorhin noch stand. Jetzt proklamiert der Aufkleber „no borders / no sujets“. Plötzlich bin ich nicht mehr ängstlich, sondern leicht genervt. Juri Lotman sucht mich bereits seit Monaten heim, ich sollte über Salbei oder Salzkreise nachdenken. Lebendige Männer finde ich im öffentlichen Nahverkehr schon oft genug anstrengend, da müssen die Toten nicht auch noch anfangen.

Apropos Tod. Einerseits wünsche ich mir für Vicken, dass er sich aus der U-Bahn-Hölle freikämpfen kann, doch wenn er es schafft, ist sein Gewinn der Tod zu seinen Bedingungen. Gleichzeitig kann ich ihn doch auch nicht in sein altes Leben zurück wünschen, das er so dringend verlassen wollte. Es ist furchtbar, tatenlos mitlesen zu müssen, wie Vicken seine verbleibende Handlungsmacht nutzt, um sie gegen sich selbst zu richten. Wenn sich die Gelegenheit bietet, färbt er den grauen Betonboden mit dem Blut aus seinen Adern rot.

Eine Durchsage ertönt: Endstation. Ich parke mein Lesezeichen auf Seite 109 und verstaue Coup de Grâce in meinem Rucksack. Meine Beine zittern auf dem Weg zur Tür, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen liminal space wirklich verlassen werden kann. Ich drücke auf den Knopf, die Tür öffnet sich und ich trete auf den unterirdischen Bahnsteig. Außer mir steigt niemand aus, aber ich bin trotzdem nicht allein am Gleis: auf der Bank neben der Anzeigetafel sitzt ein Mann. Er wirkt sympathisch und ich bin mir sicher, ihn bereits irgendwo einmal gesehen zu haben. Dennoch dauert es einen Moment, bis ich ihn erkenne. Ich nicke ihm zu und Mark Fisher nickt zurück. Wir verstehen einander.

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