Großes Haus, viele Menschen, das Licht geht aus, es wird Nacht und wieder Tag. Auf der Bühne Schillers Königin von Schottland. Hinter mir ein Mann Anfang 70. Der Saal erinnert an ein Panopticon. Jeremy Benthams Gefängnis-Entwurf auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Disziplin durch ständige Überwachung. Nur beobachtet hier keine zentral platzierte Wache die um sie angeordneten Insassen. Die Insassin liegt da unten in der Mitte unter den Augen aller Anwesenden. Sie wird von allen gesehen. Doch wäre da keine sie blendende Bühnenbeleuchtung, wäre sie die Einzige, die alle sehen kann.

Michel Foucault erklärte anhand des Panopticons das Ordnungsprinzip der modernen Überwachungsgesellschaft. Panoptismus: Wer unter dauerhafter Beobachtung steht, verhält sich angepasster. Disziplinierender Zwang. Laute Musik untermalt die ersten Szenen, von hinten erklingt ein Schnarchen. Innerhalb der ersten fünf Minuten einer Aufführung einzuschlafen, ist am Ausmaß ausgestellten Desinteresses wohl nicht zu überbieten. Eleos und Phobos provoziert heute der Hintergrund. Ich ermahne mich. Vielleicht ist es was Pathologisches. Mal nicht so vorschnell urteilen. Außerdem sieht er mich. Ich lasse mich disziplinieren. Meistens freue ich mich über Menschen, die die Eier in der Hose haben, andere auf störendes Verhalten hinzuweisen. Ich bin nur an guten Tagen diese Person. Heute ist kein guter Tag. Vor uns also Maria Stuart. In ihrem runden Kerker, zu zwei Dritteln umrahmt von einer Wand, von deren Oberkante Burleigh und Leicester sie streng beobachten. Der Zuschauerraum schließt den Kreis. Alles an der Szene unterstreicht eine Überlegenheit ihrer Wächter. Räumliche Anordnung, Kostüm, Maske, Licht. Allein qua ihrer Stimme schafft sie jedoch, die untergeordnete Rolle aufzuheben. Eine klare, bestimmte Maria. Panoptismus ist was für Anfänger. Von hinten ein Tritt gegen meinen Sitz. Vorne nun eine abwägende Elisabeth. Gesetze handeln lassen, um sich selbst die Hände nicht schmutzig zu machen? Doof nur, wenn man das Urteil zur Vollstreckung unterzeichnen muss. Tinte an den Fingern, die sie zur Täterin machen. Das unentwegte Schnarchen lenkt mich ab. Reißt mich aus meinen Gedanken. Der schläft nicht. Der atmet so. Ich will mich umdrehen, mit Blicken strafen den, der meinen Sitz erneut nicht verfehlt. „Was man scheint, hat jedermann zum Richter, was man ist, hat keinen.“ Ja Schiller, ich reiß’ mich zusammen. Marias Antlitz, Schrödingers Schönheit. Hinter mir Getuschel. „Oh der ist noch nicht König, der der Welt gefallen muss! Nur der ist’s, der bei seinem Tun nach keines Menschen Beifall braucht zu fragen.“ Elisabeth unterschreibt und der Herr steht samt seiner Begleitung auf und verlässt raschelnd unter Aufmerksamkeit aller Umsitzenden den Saal. Nichts hält ihn auf. Auch nicht die sich zu ihm umwendenden Köpfe in den unteren Reihen. Der König. Der Maria Stuart des Publikums. Liebe Grüße an Foucault. Endlich Ruhe. Ich weiß, die Katharsis funktioniert anders, aber so oder so ähnlich wird sich das wohl anfühlen. Gute Besserung. Nach der Hinrichtung erscheint Elisabeth als brüchiges Abbild einer Königin. In Unterkleidung sitzt sie rückwärts im Damensitz auf einem wunderbar gruseligen Geisterpferd. Panisch suchen ihre Hände Halt an den Zügeln. Mortimer tot. Leicester in einem Anflug von Butler James nach Frankreich gestolpert. Burleigh herzlich uneuphorisiert. Tragische Herrschaft. Long live the Queen – aber zu welchem Preis?
– Gedanken während des Aufführungsbesuchs der Inszenierung „Maria Stuart“ im Theater Münster. Regie: Julia Hölscher. Mit u. a.: Katharina Brenner, Katharina Rehn, Julius Janosch Schulte, Clara Kroneck und Ansgar Sauren.
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