Kann man nicht meckern: Proletenpräferenzen im April

Für uns Kulturprolet*innen war der April ein turbulenter Monat: Wir haben getextet und getippt, Grafiken designt und Websites gebastelt. Und doch haben wir uns nicht nehmen lassen, auch selbst dem Kulturkonsum zu frönen. Wir haben uns mit dem Lauten und dem Leisen, dem Grünen und dem Blauen, dem Realen und dem Fiktiven – und allem dazwischen ­– beschäftigt. Dabei ist eine illustre Liste an proletenhaften Präferenzen entstanden, die wir offiziell mit dem höchsten westfälischen Gütesiegel auszeichnen wollen: „Kann man nicht meckern“.

© Kulturproleten, erstellt mit Canva.

Wenn ich überlege, was mich diesen Monat wirklich glücklich gemacht hat, dann wäre es wahrscheinlich die Sonne. Da Beiträge über das Wetter allerdings eher weniger interessant sind, empfehle ich euch zwei Bücher, die mich sehr begeistert haben.

Zum einen habe ich im April Marschlande von Jarka Kubsova gelesen, was mich wirklich begeistert hat. Die Geschichte begleitet zwei Frauen in den Marschlanden in der Nähe von Hamburg. Britta ist mit ihrem Mann und zwei Kindern hinaus in ein schickes Haus gezogen und fühlt sich dort jedoch nicht wirklich wohl. Durch Zufall wird sie auf die Geschichte von Abelke Bleken aufmerksam, die im 16. Jahrhundert ebenfalls in der Gegend lebte und fängt an nachzuforschen. Das Buch hat mich oft wütend gemacht, weil beiden Frauen so viel Ungerechtigkeit durch (natürlich) patriarchale und männliche Hand widerfährt. Gleichzeitig hat mich aber auch genau das an dem Buch so in den Bann gezogen. Es hat mich total elektrisiert, dass der Fokus auf eine viel zu wenig bekannte Geschichte einer starken und unabhängigen Frau gelegt wurde. Wer gerne Bücher über starke Frauen liest, sollte sich dieses nicht entgehen lassen. Gleichzeitig gibt es sehr detaillierte und realistische Landschaftsbeschreibungen, die dich in die Geschichte eintauchen lassen.

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Mein zweiter Buchtipp in diesem Monat ist: Kein Bock Club von Maria Popov. Das Buch ist mir eher durch Zufall auf der Arbeit in die Hände gefallen und ich habe es nicht bereut es zu lesen. Die Autorin, Journalistin und Moderatorin erzählt in ihrem Buch davon, dass es in einer Gesellschaft, in der alle Welt immer und dauerhaft von Sex redet, auch total okay ist, einfach mal ‚keinen Bock‘ zu haben. Sie betont, dass wir Sex und vor allem die hauptsächlich männliche Befriedigung, die damit verbunden wird, dezentrieren sollten. Und was soll ich sagen – wo sie recht hat, hat sie Recht. Ich fand das Buch sehr erfrischend für alle Personen, die grundsätzlich mit ihrer Sexualität hadern oder sich auch einfach durch das gesellschaftliche Bild einem hohen Druck ausgesetzt fühlen viel und guten Sex haben zu müssen. Anhand von eigenen Erfahrungen nimmt die Autorin die Lesenden mit in ihre Gedankenwelt und webt gleichzeitig so viele Fakten in ihren Erzählstil ein, dass sich eine perfekte Mischung aus Sachbuch und autofiktionaler Erzählung ergibt, die sich anfühlt, als würde man seiner besten Freundin zuhören.

Sinja

Das neue Album von Raye “THIS MUSIC MAY CONTAIN HOPE”: Ich weiß, es ist erst April, aber für mich sind das jetzt schon mit die besten Songs des Jahres! Lange Songs (4 bis 6 Minuten!), eine musikalische und gesangliche Wundertüte und Emotionen, mit denen man sowohl heulen als auch tanzen kann.

Lyrische Empfehlung: The WhatsApp Shakespeare. Mit-guter-Laune-durch-die-Gegend-tanzen Empfehlung: Joy

Josephine

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Eigentlich habe ich immer das Gegenteil von dem sogenannten grünen Daumen besessen – einen schwarzen Daumen, wenn man es so nimmt. Jeder Kaktus, jede Zimmerpflanze, alles ist bei mir eingegangen. Meist lag dies schlicht und ergreifend an meinem fehlenden Durchhaltevermögen, die Pflanzen in regelmäßigen Abständen zu gießen. Doch am 01. April war ich auf dem Markt und da überkam mich das Bedürfnis, meinen Balkon zu verschönern. Also kaufte ich mir vier Balkonpflanzen, machte auf Kleinanzeigen einen Schnapper für zwei Balkonblumentöpfe und machte mich sogleich an die Arbeit. Seitdem zieren wunderschöne Farben meinen kleinen, sonst eher trostlosen Balkon und ich nehme meine neue Verantwortung überaus ernst. Ich hege und pflege sie und habe so eine neue, mir bis dahin unbekannte Liebe entdeckt, die ich so schnell nicht aufgeben möchte. Ich hätte selbst nicht damit gerechnet, doch meine schönen Balkonblumen sind meine Monatsfavoriten im April.

Sina

Was verbindet den Ölkonzern Shell, Malaria, den Erzbischof von Canterbury und die Royal Air Force? Wer hier schon auf die Lösung kommt, bitte melden, ich bin beeindruckt. Deutlicher wird es vielleicht, wenn ich noch Schokolade nenne, Wes Anderson – und, leider, auch Antisemitismus. Die Antwort ist ein Name: Der für seine politischen Äußerungen zurecht kritisierte und in über 63 Sprachen übersetzte Roald Dahl hat ein so bewegtes Leben geführt, dass man es ihm kaum abkauft. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ich wirklich einen autobiografischen Text und nicht eines seiner fiktiven Werke lese. Denn wie viel Abenteuer passt in die paar Jahre eines Lebens? Als Dahl mit Mitte 20 im Zweiten Weltkrieg Jagdflugzeuge für die Royal Air Force fliegt, hat er mehr hinter sich als die meisten Menschen in ihrer gesamten Lebenszeit: Schon die vaterlose Kindheit verläuft unruhig, anschließend erlebt er die Rohrstockpädagogik britischer Internate zu oft am eigenen Leib und schlägt ein Studium aus, um für Shell nach Afrika zu gehen – wo er an Malaria erkrankt und überlebt. Ich wiederhole: mit Mitte 20!

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Diese Erlebnisse sind in der Erzählung Boy des Bandes Innocence nachzulesen, meiner Proletenpräferenz im April, die ich trotz der ohnehin lektüreschweren vorlesungsfreien Zeit nicht weglegen konnte. Geschrieben ist das alles in einer unaufdringlichen, doch eindringlichen Sprache, ohne große Bilder, mit viel Empathie: eben richtig gut erzählt. Zum Glück ist dieser Mann mehr oder weniger aus Versehen Schriftsteller geworden, denn in diesem Leben hätte er nahezu alles werden können. Übrigens, um auch diese Klammer zu schließen: Mit die dickste Prügel verteilte laut Dahl der Repton-School-Headmaster Geoffrey Fisher – der spätere Erzbischof von Canterbury.

Julian

Ich bin seit ein paar Wochen wieder voll Blond. Im Bad, in der Bahn, beim Putzen, bei der Arbeit im Café, aber da gucken die Leute manchmal schon komisch, deshalb versuche ich oft, es nicht allzu sehr rauszuposaunen. Mit Blond fühl ich mich stark, Blond gibt mir Selbstbewusstsein. Am besten ist Blond, wenn das Licht ausgeht und die Akustik surrt und die Haut heiß wird und hunderte Münder gleichzeitig einatmen und Körper nach vorne drängen und die Girls & ich vor Spannung vibrieren.

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Blond ist cunty, vor allem aber auch verständnisvoll. Ich fühl mich gesehen, wertgeschätzt, mein kleines, unbedeutendes Leben mit seinen kleinen, unbedeutenden Struggles scheint nicht ganz so einsam durchs System zu schwirren, wie es sich oft anfühlt. Auch bei Blond hat nicht mal der Sim sein Leben im Griff. Blond ist genauso wütend aufs Patriarchat wie ich. Blond feiert SB-Kassen und Veganismus und nicht so sehr den Kapitalismus. Blond sagt, ich muss mich nicht schämen für ihre Musik.

Und seit dem Moment mit der Blockflöte, in die ein brennender Bengalo gesteckt war, und auf der „The Final Countdown“ gespielt wurde, in einer Konzerthalle vor tausend ekstatischen, feiernden Girls, ist die Band Blond meine Ikone. In Konzertvorbereitung gerade wieder umso mehr. Meine Nachbarn haben inzwischen vielleicht schon genug – nicht mein Problem.

Helena

Kann man sich in eine Farbe verlieben? Diese Frage stellt sich Maggie Nelson in Bluets, was bereits 2009 erschien, aber erst in diesem Jahr seinen Weg in meine Hände fand. Ich bekam es von einer lieben Freundin geschenkt, die offenbar genau wusste, dass ich eine Schwäche für eigenwillige Texte habe. Denn was genau Bluets eigentlich ist, ist gar nicht so leicht zu greifen. In 240 kleinen Absätzen aus Prosa in verdichteter Sprache setzt sich Nelson mit der Farbe blau auseinander. Sie schreibt dabei weniger über konkrete blaue Gegenstände, sondern mehr über ihre Beziehung zu Blau und auch über ihre eben verflossene Beziehung zu einem Mann. Darüber hinaus finden sich reichlich intertextuelle Bezüge zu Philosophinnen, Künstlerinnen und Musiker*innen – Als Empfehlung in der Empfehlung wäre an dieser Stelle Joni Mitchells Album Blue zu nennen! Aus diesen kleinen Abschnitten setzt sich dabei ein ungewöhnliches Textmosaik zusammen, was vor allem eins ist: blau.

Tomke

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Mein Monatsfavorit bewegt sich zwischen List und Täuschung, Nostalgie und Nervenkitzel, Sein und Nichtsein. In diesem Monat habe ich ein Spiel wiederentdeckt, das ich in meiner Kindheit geliebt habe. Obwohl ich als Kind nicht die allergrößte Spiele-Maus war, mich lieber mit meinem Detektivclub oder meinen Büchern beschäftigt habe und man mich mit einer Runde Monopoly eher jagen als begeistern konnte (UNO ging aber!), gab es ein Gruppenspiel, das in mir immer wieder große Vorfreude ausgelöst hat: the one and only Werwölfe vom Düsterwald.

Da mein 2026 bisher ohnehin unter dem Motto steht „Interessen und Hobbys von früher wiederentdecken und in meinen Alltag integrieren“ war für mich in diesem Monat klar, dass ich mit meinen Freund*innen unbedingt einen Werwolf-Abend veranstalten muss! Gesagt, getan: Die Karten sind verteilt und das Dorf schläft ein. Ich vergesse die Welt um mich herum, bin ganz im Moment und in der Rolle. Brodelnde, hitzige Diskussionen, ein leises Kichern und eine spürbare Spannung liegen in der Luft. Nicht nur altbekannte Rollen wie Hexe, Seherin, Werwolf und Dorfbewohnerin sitzen in der Runde, sondern vielleicht auch neu erfundene Rollen wie Goethe oder Jesus Quiztus – wer weiß! Die einzige Frage, die bleibt: Wem kann ich vertrauen, und wem nicht?

Und wenn ihr nicht so viel Lust aufs Spielen, aber aufs Mitfiebern und Mitraten habt,
kann ich euch die Serie Werwölfe: Das Spiel von List und Täuschung in der ARD-Mediathek empfehlen! Die Serie hat bei mir auf jeden Fall eine Achterbahnfahrt der Gefühle ausgelöst, bei der ich mir am Ende selbst nicht mehr sicher war, wer nun Werwolf oder Dorfbewohner*in ist! Also schnappt euch eure Friends und plant euren nächsten Werwolf-Abend! Denkt euch die ein oder andere neue Figur aus und lasst die Spiele beginnen – idealerweise mit einer Werwolf-Playlist mit mystischen Klängen im Hintergrund. Ich kann es euch (und eurem inneren Kind) nur wärmstens ans Herz legen!

Neele

Als ich im März, zum intersektionalen Frauentag, beim Leseprogramm FRAU ZU SEIN… bedarf es wenig?, von dem Ensemble Buch und Bühne zu Besuch war, war ich nicht nur von dem Bühnenprogramm, sondern auch von dem Thema begeistert. Was bedarf es ‚Frau zu sein‘? Frausein ist so viel mehr als ‚nur Frau sein‘ oder? Ich wollte mich selbst weiterbilden und habe beschlossen endlich mal die ganzen Bücher zu lesen, die in meiner Medimops Wishlist langsam verstaubten. Daher habe ich ruckzuck mal (fast) alle Bücher bestellt – inspiriert vom Bühnenprogramm. Sie haben nämlich in die Gruppe gefragt, ob wir Wissenschaftlerinnen kennen. Niemand hat ein Wort gesagt. Es hat sich nicht einmal jemand getraut, Marie Skłodowska Curie anzusprechen. Ich fühlte mich in dem Moment so sehr von meiner eigenen Unwissenheit ertappt. Ich schämte mich, dass mir nur Marie Skłodowska Curie eingefallen ist. Was ist mit den ganzen anderen Frauen, die wundervolle und wichtige Arbeit geleistet haben? Wieso kennen wir sie nicht? Daher ist mir die erste Wahl bei meinem Bücherstapel nicht schwergefallen. Ich entschied mich für Beklaute Frauen von Leonie Schöler.

Beklaute Frauen ist 2024 erschienen und handelt von Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen. Kurzgesagt: den „unsichtbaren Heldinnen der Geschichte.“ Hat Brecht seine Werke komplett selbst geschrieben? Hat Karl Marx alles allein gemacht? Natürlich nicht! Ehefrauen, ‚Musen‘ und Töchter haben mitgearbeitet. Sie haben für die Männer übersetzt, geschrieben, lektoriert und vieles mehr. Und sie werden bis heute nirgends erwähnt. Was ist aus Mileva Marić, der ersten Ehefrau von Albert Einstein, geworden? Sie ist die Wissenschaftlerin, die die Skripte für ihren Ehemann geschrieben hat. Die Frau, die später nicht über ihr eigenes Leben berichten durfte, nachdem Einstein sie verließ und sie sich selbst und den gemeinsamen Sohn über Wasser halten musste. Beklaute Frauen ist ein geschichtswissenschaftliches Werk, das nicht nur an Historikerinnen, sondern an Alle gerichtet ist. Ohne komplizierte fachwissenschaftliche Sprache und mit sehr gut recherchierten Fakten wird die (vergessene) Geschichte von Frauen geschildert. Es ist ein Buch, das jeder schon einmal gelesen haben muss.

Anastasia

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