Parasitismus auf YouTube: Der Befall der kleinen Formen

Wer will, kann den Loch Ness rund um die Uhr nach Nessie absuchen – per Livestream. Das Meme prägt den Humor ganzer Generationen wie wohl kein anderes Kulturerzeugnis und auch die ersten Nachkommen in Folge von „Ballon-Dates“ sind sicherlich schon auf dem Weg. Um es kurz zu halten: Wenn es darum geht, neue Videoformate und Content-Möglichkeiten für das Internet zu schaffen, ist die kreative Energie riesig.

© Tumisu und Nature-Pix auf Pixabay

Dass vor allem Kurzformate wie Instagram Reels, TikToks und YouTube Shorts unglaublich populär sind, ist kein Zufall. Content scheint für viele der Akteurinnen und Akteure zu bedeuten, möglichst viel Output für eine möglichst große Zielgruppe mit möglichst wenig Aufwand zu generieren. Aber: Kurz muss nicht zwangsläufig qualitativ minderwertig bedeuten. Prägnant und/oder informativ und/oder unterhaltsam zu sein, ist anspruchsvoll und aufwändig. 

Unter den zahlreichen Kurzformen hat sich auch eine etabliert, die auf ein beliebtes Langformat zurückgreift. Besonders auf YouTube sind sogenannte „Reactions“ ein eigenes Genre. Der Wikipedia-Artikel zu dem – auf Deutsch deutlich holziger klingenden – „Reaktionsvideo“ hätte ob seiner Dichte an Fun Facts schon an sich einen Beitrag verdient: Anscheinend hat das Format seine Wurzeln in japanischen TV-Shows der 1970er, Sitcomlacher heißen eigentlich „Lachkonserven“ und die erste Reaction auf YouTube war zum berühmt-berüchtigten Video 2 Girls 1 Cup

Das Format ist denkbar simpel: YouTuber A reagiert auf ein Video von YouTuber B. In seinen schwülstigsten Auswüchsen liest sich das Ganze wie eine mathematische Formel, wenn dann YouTuber C auf die Reaction von YouTuber B auf das Video von YouTuber A reagiert – welcher wiederum die einzelnen Reactions kommentiert. Aus einem einzelnen Video lassen sich so mit wenig Eigenaufwand weitere Videos ableiten. Ideal also, um Content am Fließband zu produzieren. 

Die Form bietet verschiedene Möglichkeiten, sich mit dem Ursprungsvideo auseinanderzusetzen. Expertinnen und Experten können Inhalte zu ihren Fachgebieten beurteilen, Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel die Sportverletzungen berühmter Personen. Und auch jenseits von Informations- und Bildungsgehalt haben Reactions ihre Berechtigung: Besonders als Livestream ermöglichen sie einen intensiveren Austausch mit der Community und natürlich darf das Video auch einfach Spaß machen, unterhalten, entspannen.  

Das große ABER sind die Short-Reactions. Oft werden die Highlights einer Reaction zusätzlich als Snippet veröffentlicht, wie es für viele weitere Formate üblich ist – um diese Form geht es hier nicht. Bei vielen Short-Reactions, die keine Snippets sind, geht aber gehörig etwas schief. Denn was ist der Kern einer Reaction? Pauschal schwierig zu beantworten, aber man kann sich plusminus darauf einigen, dass die Reaktion selbst einer der Hauptgründe ist, sie zu schauen. Sonst würde schließlich das Ursprungsvideo ausreichen. 

Doch genau diese Reaktion sieht man oft leider nicht. Also swipt man erstmal weiter. Aber da war was, oder? Da hat sich doch etwas bewegt, unten rechts in der Ecke. Noch einmal zurückswipen: Ja, wirklich, ein erbsengroßer Kopf – und jetzt reißt er die Augen auf und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen. Ganz so, als würde ich im Lehrbuch die Gestik und Mimik der Basisemotion „Überraschung“ nach Paul Eckman nachschlagen. Und im schlimmsten Fall passt das nicht einmal zu dem, was im Video passiert. 

Authentisch kann man das nicht nennen – es ist sogar feige: Denn als wüsste man genau, dass die Eigenleistung an dem Video niemals eine Zuschauerschaft binden würde, verkriecht man sich wie ein Parasit im Winkel. Interessanterweise gibt es auch das genaue Gegenteil: Die reagierende Person verdeckt das eigentliche Video, spricht in die Tonspur hinein oder die gesamte Reaktion ist vollkommen asynchron. Nicht genug also, dass man Nutznießer des Videos sein will und kann, ohne Eigenleistung zu bringen – nun entstellt man seinen Wirt auch noch. 

In beiden Fällen bleibt eine Auseinandersetzung mit dem Video aus: der Auseinandersetzung, die eigentlich der Kern einer Reaction ist. Versteckt man sich zudem oder entstellt das ursprüngliche Video, dann ist das sogar schlechter als gar keine Leistung. Denn mancher Content ist schon schlimm genug, aber das ist förmlich Anti-Content. Mir reicht’s, ich gehe lieber Nessie suchen.

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